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«Wenn die Religion verschwunden ist, ist die Gesellschaft geheilt»

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08.05.2018
Religion sei «das Opium des Volkes», sagte Karl Marx. Was der Autor «des Kapitals» damit meinte und was er mit seiner Religionskritik anstrebte, erklärt der Religionswissenschaftler Jürgen Mohn.

Am 5. Mai jĂ€hrte sich der Geburtstag von Karl Marx zum 200. Mal. Der Philosoph schrieb «Das Kapital» und verfasste zusammen mit Friedrich Engels «Das Kommunistische Manifest». Er lieferte damit die theoretischen Grundlagen zum Kommunismus. Weniger bekannt ist, dass Marx sich neben der «Kritik der politischen Ökonomie» intensiv mit der Religion auseinandersetzte.

Der Religionswissenschaftler JĂŒrgen Mohn bedauert es, dass die Forschung heute die Religionskritik von Marx oft nur oberflĂ€chlich und verkĂŒrzt streife und auf seinen berĂŒhmten Ausspruch, Religion sei «das Opium des Volkes», reduziere. Zum Geburtstag von Karl Marx bietet Mohn in Basel einen Kurs an, der das VerhĂ€ltnis des Philosophen zur Religion beleuchtet.

Religion als Schmerzmittel
Um beim berĂŒhmten Opium-Zitat zu bleiben: Dieses werde oft verwechselt mit Lenins abgewandelter Revolutionsparole, Religion sei «Opium fĂŒr das Volk», erklĂ€rt JĂŒrgen Mohn. Marx habe Religion nicht als Droge im heutigen Sinn oder als Mittel zur UnterdrĂŒckung verstanden, sondern als Schmerzmittel, als das es im 19. Jahrhundert in erster Linie eingesetzt wurde. «Marx glaubte, dass die Menschen sich der Religion zuwandten, um sich ĂŒber ihr schlechtes Leben hinweg zu trösten.» Marx gehe davon aus, dass es das BetĂ€ubungsmittel Religion nicht mehr braucht, wenn die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse gut sind. «Wenn die Religion verschwunden ist, ist gemĂ€ss Marx die Gesellschaft geheilt», sagt Mohn. Man werde Marx nicht gerecht, wenn man nur seine negative Sicht auf die Religion sehe.

«Protest gegen das Elend der Welt»
Mohn versteht Marx‘ Religionskritik als «Protest gegen das Elend der Welt». Dahinter stehe die Absicht, die Gesellschaft zu verĂ€ndern. «Die Kritik an der Religion plĂ€diert fĂŒr etwas Besseres, unter anderem fĂŒr ein anderes VerstĂ€ndnis des Menschen.» Um die Religionskritik von Marx zu verstehen, mĂŒsse man andere Denker mit einbeziehen, betont der Religionswissenschaftler. Marx habe sich auf den Philosophen Ludwig Feuerbach, ein Zeitgenosse von ihm, bezogen und dessen Gedanken weiterentwickelt, um sich am Ende zu distanzieren. Beide hĂ€tten Gott nicht als transzendentes Wesen begriffen, sagt Mohn. «FĂŒr Feuerbach steht Gott fĂŒr das Vollkommene des Menschen selbst, fĂŒr das, was sein Wesen ausmacht.» Marx habe mit Feuerbachs Kritik am traditionellen GottesverstĂ€ndnis abgeschlossen, er wollte die Gesellschaft verĂ€ndern.

Religionskritik von Feuerbach, Marx und Freud
JĂŒrgen Mohn ordnet Marx in die Entwicklung der Religionskritik vom 19. bis in die erste HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts ein. Dazu gehört neben Feuerbach auch Siegmund Freud. «Marx beschĂ€ftigte sich mit der Rolle der Gesellschaft, Freud fĂŒhrte dessen Religionskritik weiter und setzte sich mit dem Individuum und seinen Möglichkeiten auseinander.» Freud habe die Ansicht vertreten, dass die Vernunft, insbesondere die Wissenschaft, die Religion, die eine Illusion sei, ersetzen mĂŒsse.

Doch ist Marx’ religionskritischer Ansatz heute noch aktuell? Marx habe keinen direkten Einfluss auf die heutige Diskussion ĂŒber Religion, so Mohn. Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm habe Marx’ Position ins Positive gewendet und in den FĂŒnfziger- bis Siebzigerjahren eine humanistische Religion formuliert, die sich am Humanismus und dessen Werten orientiert. Gott spielt bei Marx und Fromm keine Rolle mehr. In diesem Sinne bezeichnete Fromm Karl Marx als religiösen Atheisten. Eine Haltung, die heute wieder aktuell sei, verbunden etwa mit Kritik an der gegenwĂ€rtigen Gesellschaft.

Religiöser Atheismus statt Schöpfergott
In der Auseinandersetzung mit der Religion macht JĂŒrgen Mohn heute zwei Tendenzen aus. Im Zusammenhang mit dem Islam werde Religion allgemein kritisiert und die Kirchen als institutionalisierte Form von Religion fĂ€nden wenig Zuspruch. «Das heisst nicht, dass Religion verschwindet oder grundsĂ€tzlich abgelehnt wird.» Denn daneben sehe er das grosse Interesse an SpiritualitĂ€t und den Erfolg von Autoren wie Alain de Botton («Religion fĂŒr Atheisten»), AndrĂ© Comte-Sponville («Woran glaubt ein Atheist? SpiritualitĂ€t ohne Gott») oder Ronald Dworkin («Religion ohne Gott»), die fĂŒr einen religiösen Atheismus plĂ€dieren. Das klassische VerstĂ€ndnis von Religion mit einem Schöpfergott im Zentrum sei hingegen fĂŒr viele nicht mehr nachvollziehbar.

Wenn Religionen wie das Judentum und das Christentum und ihre Kirchen schlechte bestehende VerhĂ€ltnisse unserer Gesellschaft unterstĂŒtzen, wĂŒrde Marx sie heute wie damals kritisieren, meint JĂŒrgen Mohn. Marx wĂŒrde ihnen vorwerfen, die GlĂ€ubigen mit Illusionen zu vertrösten, anstatt sie darin zu bestĂ€rken, etwas zu verĂ€ndern. Allerdings sei unsere Gesellschaft heute eine ganz andere als zur Zeit von Marx. «Den radikalen Islam wĂŒrde Marx sicher verurteilen. Er wĂ€re gegen alle Institutionen wie Kirchen und andere Religionsgemeinschaften, die eine Gesellschaft reprĂ€sentieren, die den Menschen von sich selbst entfremden, anstatt sich fĂŒr das nicht entfremdete, menschliche Leben fĂŒr alle einzusetzen», ist Mohn ĂŒberzeugt.

Karin MĂŒller, kirchenbote-online, 8. Mai 2018

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