News aus dem Kanton St. Gallen

Wie hoch oben im Alpstein Getreide gedeiht

von Michel Bossart, Benken
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20.02.2026
Rund um den Säntis zeigt der Verein Alpsteinkorn, dass Getreideanbau auch in steilen Höhenlagen möglich ist. Präsident Jakob Knaus spricht über Bergackerbau, genetische Vielfalt und die Frage, warum Saatgut mehr ist als ein Produktionsmittel.

Hoch über Unterwasser, am Fuss des Säntis auf etwas mehr als 1000 Metern über Meer, baut Bio-Landwirt Jakob Knaus seit 1996 Hafer, Weizen, Dinkel, Mais und Kartoffeln an. Und er hält Milchkühe. Das Alpsteingebiet gilt als steil, kleinräumig und klimatisch anspruchsvoll – ist es sinnvoll, hier Getreide anzubauen? «Ja!», sagt Knaus bestimmt. «Ackerbau in dieser Höhe ist nichts Neues. Klöster wie Alt und Neu St. Johann, Disentis, Engelberg oder Einsiedeln befinden sich nicht ohne Grund in diesen Höhenlagen.»

Da lagert ein Korn fünf Jahre im Speicher. Und kaum setzt man es in die Erde, beginnt es auszutreiben. So zart und so fein.

Ein weiterer Indikator, dass es auch im Toggenburg schon lange Getreideanbau gab, sind die – mittlerweile stillgelegten – Mühlen. «Allein im Obertoggenburg gab es früher vier Mühlen, die das hier geerntete Getreide direkt gemahlen haben», sagt Knaus. Derzeit bewirtschaften Landwirte im Alpsteingebiet erfolgreich rund 20 Hektaren Ackerland, und dies mit guter Qualität und Erträgen. Einzig lange und schneereiche Winter könnten dem Weizen und Dinkel gefährlich werden. «Dann ersticken die Pflanzen unter der Schneedecke», erklärt Knaus. Für den Anbau im Alpsteingebiet hingegen eher ungeeignet seien Leguminosen wie Bohnen oder Erbsen. Auch der Futtermais bevorzuge ein etwas wärmeres Umfeld, sagt der Bauer.

«Bodeli» und «Mont Albano» top

Der Klimawandel verändert Niederschläge, Temperaturen und Vegetationszeiten. Den Ackerbauern rund um den Alpstein kommen die klimatischen Veränderungen eher entgegen, und trotzdem gibt es gerade im Bio-Ackerbau in dieser Höhe auch Herausforderungen: Knaus nennt zwei der häufigsten Krankheiten, die hier vorkommen können: Schneeschimmel und Zwergbrand. Um die idealen und höhenangepassten Sorten zu finden, arbeitet der Verein zusammen mit Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für die landwirtschaftliche Forschung, der Getreidezüchtung Peter Kunz (GZPK) und dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), indem er beispielsweise Flächen für Forschungszwecke zur Verfügung stellt, ebenso sein Wissen und seine Erfahrung. «Zurzeit liefern die Sorten ‹Bodeli› und ‹Mont Albano› die besten Erträge – nicht unbedingt in der Quantität, aber in der Qualität», sagt Knaus. 

Bergackerbau und Saatgutwissen

Gerade weil Knaus so viel über den Berggetreideanbau weiss, wurde er in der Vergangenheit immer wieder von Landwirten rund um den Säntis um Rat gefragt. Er hat gerne Auskunft gegeben und sich mit Anbauern und Forschern über ihre eigenen Erfahrungen ausgetauscht. 2021 war die Zeit dann reif, «etwas Struktur in die Sache zu bringen», wie er erzählt. Mit Gleichgesinnten hat er den Verein Alpsteinkorn gegründet. Der Verein fördert den Berggetreideanbau in der Alpsteinregion, um Qualität und Quantität der Erzeugnisse zu steigern. Durch Kooperationen und wissenschaftliche Versuche identifiziert die Organisation optimale Getreidesorten, die speziell an die anspruchsvollen Bedingungen der Berglandwirtschaft angepasst sind. Alpsteinkorn will zeigen, dass Bergackerbau nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern unter den richtigen Bedingungen auch wirtschaftlich tragfähig sein kann.

Saatgut ist ein Volksvermögen. Erst wenn man keines mehr hat, wird einem die Wichtigkeit bewusst.

Derzeit zählt der Verein 40 Aktiv- und 27 Passivmitglieder. «Das typische Aktivmitglied ist selbst Getreideanbauer im Alpsteingebiet», erklärt Knaus. Es finden sich darunter aber auch verarbeitende Betriebe wie Bäckereien und Destillerien; die Passivmitglieder seien eher Privatpersonen, die hinter Alpsteinkorn stehen und den Verein mit einem Mitgliederbeitrag unterstützen. 

Forschung und Austausch

Die Webseite des Vereins ist einerseits ein umfassendes Netzwerkverzeichnis, andererseits auch eine Austauschplattform für Anbauer und Forschende. So finden sich dort die Resultate von Forschungsarbeiten zu Anbau und Saatgutzüchtung genauso wie ein Verzeichnis angeschlossener Anbaubetriebe.

Die diesjährige ökumenische Kampagne zur Fastenzeit macht den Umgang mit Saatgut zum Thema. Bei diesem Stichwort redet sich Knaus in Fahrt: «Saatgut ist das Wertvollste, was die Menschheit überhaupt hat», sagt er überzeugt. Für ihn sei es immer wieder aufs Neue ein Wunder: Da lagere ein Korn fünf Jahre lang im Speicher. Und kaum setze man es in die Erde, beginne es auszutreiben. «So zart und so fein», schwärmt er. «Daraus entsteht dann eine Ähre mit Körnern und letztendlich die Grundlage für unsere Ernährung. Es ist einfach wunderschön, wie aus einem kleinen, feinen Korn so etwas Wichtiges entsteht.» Er findet es sehr bedauerlich, dass die komplexen Zusammenhänge zwischen Züchtung, Produktion und Weiterverarbeitung von Getreide von vielen Menschen unterschätzt werden. Er ist der Meinung, die Verfügbarkeit von Saatgut sollte zuoberst auf der Prioritätenliste des Bundes stehen. «Saatgut ist ein Volksvermögen. Erst wenn man keines mehr hat, wird einem die Wichtigkeit bewusst.»

Vielfalt als Lebensversicherung

Der Getreideanbau muss flexibel bleiben und sich nicht nur laufend den klimatischen Veränderungen anpassen, sondern auch gegen Pflanzenkrankheiten gewappnet sein. Dafür ist der Erhalt eines grossen und diversen Genpools für die Pflanzenzüchtung wichtig. So sichert Agroscope in waadtländischen Changins in Kühlräumen über 10 000 Samenproben. Als Back-up dienen Doubletten, die im internationalen Samenbunker auf der norwegischen Arktisinsel Spitzbergen eingelagert werden. Genau hier setzt Alpsteinkorn im Kleinen an, indem der Verein Sorten prüft, vermehrt und im regionalen Anbau erhält, statt sich allein auf globale Sicherungssysteme zu verlassen.

«Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie viel versteckte Arbeit hinter dem Getreideanbau steckt. Die Arbeit des Landwirts ist nur ein kleiner Teil», resümiert Knaus. «Die Nahrungsmittelproduktion ist heute komplett industrialisiert.» Konsumenten und Konsumentinnen hätten kaum mehr einen Bezug zum Lebensmittel. Dabei sei es genau das: ein Mittel, das Leben überhaupt erst ermögliche.

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