News aus dem Kanton St. Gallen

«Wir müssen vermehrt nach Werten fragen»

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08.10.2018
Über 2000 Jobs will der Pharmakonzern Novartis in der Schweiz streichen. Die Verunsicherung bei den Mitarbeitenden sei gross, sagt der Basler Industriepfarrer Martin Dürr und erklärt, warum die Kirche als einzige Institution von allen Seiten als Gesprächspartnerin ernst genommen wird.

Ende September gab Novartis bekannt, in den n├Ąchsten vier Jahren in der Schweiz rund 2150 Stellen zu streichen. Betroffen sind vor allem die Standorte in den beiden Basel und im Aargau. Novartis teilte mit, das Unternehmen m├╝sse seine Effizienz und Konkurrenzf├Ąhigkeit steigern. Ein Teil der Produktionsst├Ątten in der Schweiz werde aus Sicht des Unternehmens ├╝berfl├╝ssig. Arbeitspl├Ątze aus dem Dienstleistungsbereich sollen ins Ausland verlegt werden, um Kosten zu sparen.

Heftige Reaktionen
Die Gewerkschaften reagierten heftig und zeigten sich schockiert dar├╝ber, dass der Konzern den Stellenabbau ┬źohne Not┬╗ vornehme. Novartis erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Nettogewinn von 7,7 Milliarden Dollar, 12 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Regierungen der drei Kantone zeigten sich ebenfalls entt├Ąuscht ├╝ber den Novartis-Entscheid. Der Aargauer Regierungsrat erwartet, ┬źdass Novartis die Verlagerung von Produktionskapazit├Ąten ins Ausland ├╝berpr├╝ft und den angek├╝ndigten Stellenabbau reduziert┬╗. Er sei vom Ausmass des Stellenabbaus ├╝berrascht, schrieb der Basler Regierungsrat in seiner Stellungnahme. Die Betroffenen brauchten m├Âglichst schnell ┬źeine Perspektive und eine tragbare L├Âsung f├╝r ihre Situation┬╗. Mit Sorge beobachte man, ┬źdass der gegenw├Ąrtige Stellenabbau einem internationalen Trend entspricht┬╗. Erst im Juni hatte der US-Konzern General Electric angek├╝ndigt, in der Schweiz 1200 Stellen abzubauen.

├ťberrascht vom Ausmass des Abbaus
Der Basler Industriepfarrer Martin D├╝rr pflegt seit Jahren den Kontakt zum Personal und zum Management von Novartis. ├ťber die angek├╝ndigten Entlassungen seien die wenigsten Mitarbeitenden ├╝berrascht, ├╝ber das Ausmass hingegen schon, sagt er. Viele seien verunsichert, weil sie nicht wissen, ob ihre Stelle gef├Ąhrdet ist.

Nun beginne das z├Ąhe Ringen um m├Âglichst faire Konditionen f├╝r die Betroffenen. Grosse Firmen wie Novartis k├Ânnten einen guten Sozialplan anbieten, meint der Pfarrer. F├╝r Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich wenig um Weiterbildung gek├╝mmert h├Ątten, und f├╝r ├╝ber 50-J├Ąhrige werde es aber besonders schwierig, eine neue Stelle zu finden.

Auch D├╝rr beobachtet einen Trend und rechnet damit, dass in den n├Ąchsten Jahren weitere Unternehmen Mitarbeiter entlassen. ┬źSoftware und Robotik, Digitalisierung und Industrie 4.0 werden seit Jahren immer dringender angek├╝ndigt. Inzwischen geschieht es. Neu betrifft es immer mehr Stellen, die lange als gesichert galten.┬╗

Investoren hoffen auf mehr Profit
Die Schuld an dieser Entwicklung sieht D├╝rr in erster Linie bei den Investoren: ┬źSie orientieren sich am weltweiten Markt und wollen mehr Profit herausholen.┬╗ Ein weiteres Problem seien Grosskonzerne wie Google, Apple, Amazon oder Facebook: ┬źSie investieren in lernende Maschinen und wollen mit neuer Medizin die lukrativen Pharmam├Ąrkte erobern. Da kommen selbst gut positionierte Schweizer Pharmafirmen unter Druck.┬╗

Die Auswirkungen auf den einzelnen Arbeitnehmer seien enorm, sagt der Industriepfarrer. Hier komme die Kirche ins Spiel. ┬źGlobale Verwerfungen k├Ânnen wir nicht aufhalten. Wir m├╝ssen aber immer wieder die Frage nach Werten, nach Menschenw├╝rde und dem Zustand der Gesellschaft aufwerfen. Wenn die Kirche das im Dialog mit Entscheidungstr├Ągern tut, wird sie geh├Ârt.┬╗ Die Kirche sei derzeit die einzige Institution, die von allen Seiten, von Managern ebenso wie von Ausgesteuerten, als Gespr├Ąchspartnerin und konkrete Unterst├╝tzerin ernst genommen werde.

Die Kirche hat einen langen Atem
Im Gegensatz zur Wirtschaft, die mit Quartalszahlen funktioniere, und zu den Politikern, die im Vierjahresrhythmus auf ihre Wiederwahl R├╝cksicht nehmen m├╝ssten, habe die Kirche einen l├Ąngeren Atem. ┬źWir k├Ânnen Menschen Gemeinschaft, konkrete Hilfe und ein sinnerf├╝lltes Leben anbieten, auch wenn die Arbeitsstelle wegf├Ąllt┬╗, ist Martin D├╝rr ├╝berzeugt.

Karin M├╝ller, kirchenbote-online, 8. Oktober 2018

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