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Interview mit John Bell

«Wir werden Jesus nicht gerecht, indem wir schweigen»: Ein Schotte reformiert die Kirchenlieder

von Noemi Harnickell
min
26.06.2026
Kirchenlieder über Missbrauch, Klimawandel und Politik sind für John Bell selbstverständlich. Der schottische Pfarrer war im Juni für Gesangsworkshops in der Schweiz und erzählt, wie er gegen Widerstände schottische Volksmusik in die Kirche brachte. 

Sie sind Pfarrer der Church of Scotland, leitendes Mitglied der schottischen Iona-Community und als Dichter moderner Kirchenlieder weltbekannt. Warum braucht die Kirche überhaupt neue Lieder?

Die Menschen singen über das, woran sie glauben. Warum, zum Beispiel, glauben wir, dass Maria und Joseph auf einem Esel nach Bethlehem kamen? Weil es so in einem Lied beschrieben wird natürlich! Oder warum glauben wir, dass Jesus nie wütend war? Weil es so gesungen wird. Es gibt so viele Kirchenlieder, die der Bibel direkt widersprechen.

Es ging Ihnen also darum, einen neuen Zugang zu Jesus zu schaffen?

Unbedingt. Lieder über Jesus handeln oft nur von seiner Geburt und seinem Tod. Das liegt zum Teil daran, dass die frühen Liedermacher dem Apostolischen Glaubensbekenntnis gefolgt sind: «Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben». Aber: Diese Zeit umfasst 33 Lebensjahre, in denen Jesus gewirkt hat. Wo sind die Lieder, in denen Jesus spricht? Die Bergpredigt, die Seligpreisungen? Wo sind die Lieder über die Menschen, denen er begegnete? Wo sind die Lieder, die von seiner Zuneigung zu Frauen erzählen?

Sie sind über Umwege Theologe geworden. Ursprünglich wollten Sie Musiklehrer werden. Was hat Sie dazu berufen, Kirchenlieder zu schreiben?

Ich bin ehrlich: Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Musik schreiben würde. An der Uni hatte ich Musik sogar gehasst. Es war alles zu akademisch für mich und verdarb mir die Freude daran. Ich brach das Studium ab und zog nach London. Dort arbeitete ich ein Jahr lang in einem Heim für straffällige Jungen und lernte ihre Themen kennen. Mir fiel aber auch auf, dass die Jugendlichen nicht sangen. Ich vermutete damals schon, dass viele Lieder nicht ihre Lebensrealität beschrieben.

Gott hat die Menschen dazu berufen, Hüter seiner Schöpfung zu sein. Sollen wir also weiterhin nur von all dem Schönen und Guten singen? Oder sollen wir auch Worte finden, die ausdrücken, dass unser Planet in einem elenden Zustand ist?

Ihre Lieder besprechen Themen wie Klimawandel und Kindesmissbrauch. Darf man in der Kirche so singen?

Für viele Leute ist klar: Es gibt einen Gott, der sich um die schönen Dinge kümmert. Um die Kirche und die Babys und die Blumen. Aber ich weiss, dass es noch eine andere Welt gibt mit sexuellem Missbrauch, Krieg und Klimawandel. Auf diese Seite von Gott lassen wir uns nicht gerne ein. Aber ist er nicht auch für diese Welt zuständig? Oder glauben wir etwa, dass es zwei Götter gibt? Gott hat die Menschen dazu berufen, Hüter seiner Schöpfung zu sein. Sollen wir also weiterhin nur von all dem Schönen und Guten singen? Oder sollen wir auch Worte finden, die ausdrücken, dass unser Planet in einem elenden Zustand ist?

 

John Bell, geboren 1949 in Kilmarnock, Schottland, ist Pfarrer der Church of Scotland und seit 1980 Mitglied der Iona Community. Als Liederdichter und -sammler verbindet er traditionelle Volksmelodien aus Schottland und dem weltweiten ökumenischen Kontext mit lebensnahen, oft unbequemen Themen. Seine Lieder werden heute in Kirchen auf der ganzen Welt gesungen. Bell setzt sich für die Erneuerung des Gemeindesingens ein und gibt regelmässig Workshops. Im Juni 2026 war er dafür in der Schweiz – unter anderem in St. Gallen, Zürich, Münchenstein (Foto) und der Kartause Ittingen.

 

Viele Kirchen haben Hemmungen, politisch aufzutreten. Können Sie das nachvollziehen?

Nachvollziehen, ja. Aber ich stimme dem nicht zu. Jesus war selbst politisch. Er sprach über Steuern, über soziale Gerechtigkeit und darüber, arme Menschen zu ernähren. Erst vor kurzem hat Donald Trump, der mächtigste Präsident der Welt, die Auslandshilfe gestrichen, von der Menschen in Simbabwe für lebensrettende Medikamente abhängig waren. Er hat sie dem Tod überlassen.* Wir werden Jesus nicht gerecht, indem wir über die aktuelle Weltlage schweigen.

(*Anm. d. Red.: 2025 kürzte die US-Regierung die Auslandshilfe und löste USAID auf. Die Kürzung traf unter anderem HIV-, Malaria- und Tuberkulose-Programme in Simbabwe. Das führte dort zu Engpässen bei lebenswichtigen Medikamenten.)

Es ist eine Sache, über diese Themen zu sprechen. Es ist eine andere, darüber zu singen. Wie integrieren Sie solche Themen in Kirchenlieder?

Themen wie sexueller Missbrauch oder internationale Finanzen lassen sich nur schwer mit den Melodien alter Kirchenlieder kombinieren. Ich verwende dafür eher traditionelle Volksmelodien aus der ganzen Welt. In diesen Liedern geht es zum Beispiel um Bergbaukatastrophen, von denen es in Schottland früher viele gab. Aber oft geht es darin auch um Menschen, die sich verlieben. Kurz: Themen aus dem Alltag der Leute damals.

Prostitution, Kindesmissbrauch … viele der Erfahrungen, über die Sie schreiben, sind nicht Ihre eigenen. Können Texte so überhaupt eine authentische Wirkung haben?

Meine Regel ist: Ich schreibe nicht über meine eigenen Gefühle. Vielmehr sehe ich mich als Sprachrohr für die Erfahrungen anderer Menschen. Vor einigen Jahren kam ein Mann zu mir, der sein Kind verloren hatte. Es gab Komplikationen bei der Geburt und die Eltern waren darauf vorbereitet, dass der Säugling nur wenige Stunden überleben würde. Aber dann standen sie am Grab und hatten keine Worte. Es gab nichts, das ihre Trauer in dem Moment ausdrücken konnte. Obwohl ich kein Vater bin und nie für ein Kind verantwortlich war, konnte ich die Erfahrung des jungen Vaters in einem Gedicht zusammenfassen. Es liegt heute im Krankenhaus auf und hilft anderen Eltern in ähnlichen Situationen.

Wir müssen die Vorstellung loslassen, dass in der Kirche nur Lieder gesungen werden dürfen, die wie heilige Melodien aus der viktorianischen Zeit klingen.

Sie haben die Bedeutung von Volksmusik angesprochen. Welchen Einfluss haben schottische Volkslieder auf Ihre Arbeit?

Das ist eine wichtige Frage, denn bis 2005 gab es in unseren Gesangbüchern gar keine schottischen Volkslieder. Das haben wir dem Reformator Calvin zu verdanken. Nichts in der Kirche sollte an die Welt draussen erinnern. Aber ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der die ganze Zeit gesungen wurde. Meine Eltern sangen auch beim Geschirrabtrocknen. Ich war der Erste, der diese Art von Musik in die Kirche integrierte.

Bestimmt nicht zur Freude aller, oder?

Der Organistenverband in Glasgow war stinksauer darüber. Die Leute, so der Vorwurf, würden sich beim Singen an die ursprünglichen, weltlichen Texte erinnern. Das sei in der Kirche unangemessen. Dabei verehrten viele dieser Organisten die Werke von Vaughan Williams, der zahllose englische Volkslieder in den anglikanischen Gesang aufgenommen hatte.

 

 

Mit Ihren Liedern holen Sie nicht nur die traditionelle Kirchenmusik vom Sockel, sondern auch die Bibel.

Wir müssen die Vorstellung loslassen, dass in der Kirche nur Lieder gesungen werden dürfen, die wie heilige Melodien aus der viktorianischen Zeit klingen. Viele Leute glauben immer noch, dass die Bibel ein Buch voller Geheimnisse ist, die nur Pastoren entschlüsseln können. Ich bin überzeugt, dass man die Bibel nicht allein mit dem Verstand erschliessen kann. Dafür braucht es die Erfahrung und Vorstellungskraft normaler Menschen.

Wie meinen Sie das?

In Bibelworkshops rede ich mit Menschen sehr gerne über Jesu Wunder. Zum Beispiel die Geschichte, als er Wasser in Wein verwandelt. Maria, seine Mutter, macht ihn darauf aufmerksam, dass der Wein ausgegangen ist. Ich fragte die Gruppe, ob sie sich vorstellen können, wie Maria wohl zu Jesus gesprochen hat. Hat sie geflüstert? War sie nervös? Da sagte eine Frau: «Ich glaube, Maria war wütend. Wissen Sie, warum der Wein leer war? Weil Jesus mit zwölf Männern verspätet bei der Feier auftauchte und die ihn gierig leertranken.» Diese Frau hatte acht Söhne, daher wusste sie, wie es ist, wenn unerwartete Gäste auftauchen.

Viele Menschen tun sich schwer mit dem Bild eines alten weissen Mannes als Gott. Wie gehen Sie damit um?

Ich habe kein Problem damit, für Gott die weibliche Form zu verwenden. Es gibt in der Bibel mehrere Stellen, an denen Jesaja Gott als Hebamme, Mutter und Frau bezeichnet. In vielen Bantusprachen, etwa Suaheli oder Zulu, gibt es gar kein grammatikalisches Geschlecht wie im Deutschen. Der Heilige Geist ist dort weder männlich noch weiblich, ebenso wie im Japanischen und Chinesischen. Es geht nicht nur um Genderfragen, sondern auch um Begriffe wie «Krüppel» oder «blind», die sehr abwertend verwendet werden. Wenn es den Leuten hilft, sich einbezogen zu fühlen, freut mich das.

Hinweis: Das Interview wurde auf Englisch geführt und übersetzt.

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