News aus dem Kanton St. Gallen

Zeichen der Macht

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28.04.2016
In Luzern debattiert man über die Gestaltung einer Abdankungshalle. An religiösen Symbolen im öffentlichen Raum stossen sich immer mehr Menschen. Doch warum? Und was ist zu tun? Der Theologe Ralph Kunz versucht, Antworten zu finden.

Herr Kunz, im Friedhof Friedental in Luzern sollte die Abdankungshalle konfessionsneutral gestaltet werden. Eine Debatte dar√ľber entbrannte. Wundert Sie das?
Nein, der Inhalt der Debatte an sich ist ja nicht neu. Sie hat √Ąhnlichkeiten mit der Gipfelkreuz-Debatte oder dem Weihnachtsbaum-Streit.

Was ist allen Debatten gemeinsam?
Im Grunde geht es immer um die Frage: Demonstrieren wir weiter christliche Dominanz? Machen wir sie unsichtbar? Oder neutralisieren wir sie, indem wir beispielsweise Räume multireligiös gestalten?

Welche Lösung gefällt Ihnen besser?
Per se ist keine besser oder schlechter als die andere. Wenn ein Raum jedoch Geschichte in sich tr√§gt ‚Äď und das ist im Friedental der Fall ‚Äď ist es vielleicht nicht das Schlauste, das einfach zu √ľberpinseln. Man muss solche Entscheidungen immer in ihrem Kontext treffen. Wenn ein Raum neu gebaut wird, ist die Ausgangslage eine andere, als wenn er seit Jahrzehnten existiert.

Warum hinterfragen wir denn die Daseinsberechtigung dieser Symbole √ľberhaupt?
Die Säkularisierung ist auf dem Vormarsch, die Konfessionslosigkeit nimmt zu. Die Menschen wollen sich nicht mehr vorschreiben lassen, was sie glauben sollen. Die Nähe zur institutionalisierten Religion hat abgenommen, man geht auf Distanz. Das bedeutet nicht, dass die Menschen deshalb weniger spirituell sind.

Also werden diese Debatten nicht aufhören?
Sie sind sicher keine Modeerscheinung. Die christliche Religion hat demografisch ein Problem. Zwar schrumpft die Kirche langsamer als gedacht, aber die Mehrheiten werden sich zwangsläufig zugunsten der Konfessionslosen verschieben.

Sehen Sie die christlichen Werte der Schweiz in Gefahr?
Bis jetzt nicht. Das Christliche geniesst eine hohe Akzeptanz. Die Mehrheit der Bev√∂lkerung ist Mitglied einer Kirche. Mit anderen Worten: In diesem Land mutet man einer Minderheit die christliche Kultur der Mehrheit noch zu. √Ąndert sich das Zahlenverh√§ltnis, wird sich auch die Frage nach der Zumutbarkeit von christlichen Symbolen im √∂ffentlichen Raum versch√§rfen. In einem s√§kularen Umfeld wie im Osten Deutschlands mutet man umgekehrt Christen zu, in einer religi√∂s neutralisierten Umgebung zu leben. So weit sind wir in der Schweiz aber noch nicht. Und werden es so schnell auch nicht sein.

Wie viel Religion steckt √ľberhaupt in diesen Debatten?
Die religi√∂se Komponente ist nat√ľrlich da. Aber die Sache ist komplexer. Auch beim Friedental-Streit geht es nicht um die reinen Symbole. Es geht um Gef√ľhle von Heimat und Zugeh√∂rigkeit.

Warum ist insbesondere das Kruzifix immer wieder unter Beschuss?
Das Kreuz polarisierte schon immer. Weil es einerseits das Zeichen einer verfolgten Religion ist, auf der anderen Seite aber auch aktive Gewalt verk√∂rpert. Denken Sie nur an die Kreuzz√ľge. Am Kreuz entladen sich viele Emotionen. Es ist ein Konzentrat, die Verdichtung des Christlichen. Es gibt kein anderes Symbol, welches das Christliche so konzentriert sichtbar macht.

Inwiefern geht es dabei auch um die Macht des Stärkeren?
Es geht in jedem Fall um symbolische Pr√§senz der Kirche im √∂ffentlichen Raum. Zum Beispiel haben die christlichen Kirchen in der Schweiz immer noch das Recht, den √∂ffentlichen Raum mit Glockengel√§ut zu beschallen. Das darf in der Schweiz sonst keine andere Religionsgemeinschaft. Oder denken Sie an die Minarett-Initiative: Auch hier ging es um die Sichtbarkeit einer (anderen) religi√∂sen Kultur. Dabei vergessen wir rasch, dass wir in der Schweiz innerchristlich die gleiche Debatte hatten. Bis 1807 durften im Kanton Z√ľrich keine katholischen Gottesdienste gefeiert werden.

Sind Debatten um Symbole ein rein katholisches Problem?
Die reformierte Kultur ist zur√ľckhaltender, weil das Ritual eine weniger starke Symbolik und Relevanz hat. Wir haben ein anderes Verh√§ltnis zur symbolischen Kommunikation. Wenn es aber um Raumumnutzungsfragen geht, sind wir ¬ękatholischer¬Ľ, als wir meinen. Auch wir haben eine sakrale Raumkultur.

Sollten christliche Symbole aus dem öffentlichen Raum verschwinden?
Nat√ľrlich nicht. Wer alle Spuren tilgen will, vertritt ein quasireligi√∂ses Neutralit√§tsdogma. Die Idee, dass Symbole Gef√ľhle verletzen, kann abstruse Z√ľge annehmen. Wichtig ist der Grundsatz der positiven Religionsfreiheit, dass Religionszugeh√∂rigkeit dem Individuum keine Nachteile beschert und auch ein beschr√§nktes Recht auf symbolische Pr√§senz im √∂ffentlichen Raum kennt.

Wie wichtig ist es f√ľr die Kirche als Institution, christliche Symbole sichtbar zu machen?
Die christliche Religion hat ein universales, öffentliches Selbstverständnis. Solange wir in einer christlichen Kultur leben, muss es das Anliegen der Kirchen sein, dass ihre Symbole nicht privatisiert werden. Letztlich geht es beim Interesse, Kirche zu zeigen, darum, die Botschaft hör- und sichtbar zu machen.

Es gab schon parlamentarische Initiativen, die christliche Symbole im öffentlichen Raum vorschreiben wollten. Ist das sinnvoll?
Eher irritierend. Wenn man etwas durch Gesetze sch√ľtzen muss, wird es museal. Ich glaube, letztlich steckt im Symbol eine gewisse Interpretationsmacht, und diese n√§hrt sich aus der Gemeinschaft, die sagt: Dieses Symbol hat Bedeutung f√ľr uns. Das gesetzlich vorzuschreiben, ist problematisch.

Haben Sie eine L√∂sung f√ľr uns parat?
Auch wenn Sie √ľberall totale Neutralit√§t haben, werden die Konflikte nicht verschwinden. Konflikte l√∂sen sich auch nicht, indem man sie ignoriert. Es braucht Geduld, die strittigen Punkte der Symbol√∂konomie auszuhandeln. Wir sind eine Kultur, eine Gesellschaft, eine Kirche im √úbergang.

K√∂nnen religi√∂se Symbole in der Trauer √ľberhaupt helfen?
Wenn jemand keinen Bezug zur Geschichte und Spiritualit√§t hat, wird ihn auch in der Trauer ein Kreuz nicht tr√∂sten k√∂nnen. Vieles aus der biblischen Tradition ist f√ľr solche, die diese Zeichen nicht lesen k√∂nnen, gar nicht mehr erkennbar. Am besten w√§re es, mehrsprachig zu kommunizieren und eine Sprache zu finden, die alle verstehen. Es gibt aber auch eine elementar-religi√∂se Zeichensprache, die Herz und Verstand anspricht und √§sthetischen Kriterien gen√ľgen kann.

Und die wäre?
Wasser, Feuer, Himmel, Sonne, Mond und Sterne. Oder das Gras, die Vögel und die Engel. Das verstehen alle.

Ralph Kunz, 51, ist Professor f√ľr Praktische Theologie an der Theologischen Fakult√§t Z√ľrich.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ¬ęreformiert.¬Ľ, ¬ęInterkantonaler Kirchenbote¬Ľ und ¬ęref.ch¬Ľ.

Anna Miller / Kirchenbote / 28. April 2016

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