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Spiritualität

Ruhe – im Dreiklang von Empathie, Selbstannahme und Spiritualität

Ausruhen im Schweinsgalopp

23.10.2017
Seit wir Uhren tragen, herrscht Unruhe, die Zeiten galoppieren. Diesem Galopp entgegenzuhalten, fällt schwer.

Erst war es ruhig. Dann kam die Unruh. 1675. Seitdem lassen sich Uhren am Armband tragen und nicht nur am Kirchturm. Der Brockhaus nennt die Unruh denn auch ein «taktgebendes Schwingungssystem». Wahrscheinlich fühlt es sich deshalb so an, als führe seitdem die Uhr uns am Gängel und nicht wir sie. Ein taktgebendes Schwingungssystem eben, das Alltag und Freizeit ohne Ruhe vertaktet und zugleich in rhythmische Schwingung versetzt. Christian Huygens, der niederländische Physiker, der im besagten Jahr sein Patent auf die Unruh anmeldete, konnte jedenfalls kaum ahnen, dass er damit die Basis für galoppierende Zeiten legte.

«Mitgefühl stimuliert das Beruhigungs- und das Bindungssystem und erzeugt damit Zufriedenheit.»

Allgegenwart der Unruhe
Diesem Galopp ein kräftiges «Brrr» entgegenzuhalten, gelingt schwerlich. Längst sind selbst Wellness, Kreuzfahrten und Entspannungstechniken zum boomenden Geschäft geworden, das Züge eines taktgebenden Schwingungssystems trägt, eben der Unruhe. Der englische Psychologe Paul Gilbert hat beobachtet: «Es ist vor allem das innere Antriebssystem, das uns die Gelassenheit raubt». Die meisten Menschen fühlten sich erst gut, wenn sie etwas erreichen könnten, ein Verlangen befriedigen. Daher werde man umso nervöser, je mehr man versuche, zur Ruhe zu kommen. «Es ist, als würde man unter Dopamin-Entzug leiden». 

Untergang des Gleichmuts
Die Stoiker des Altertums setzen dem den Gleichmut entgegen. Sie sahen das Leben als Glücksrad, an dem wir stets schicksalhaft auf-und absteigen. Alles kann sich immer wieder drehen, das sei zu akzeptieren. Und: Alles, was wir besitzen, sei vergänglich, am besten fahre also, wer es als bloss geliehen betrachte. Auch lohne es sich nicht zu jammern, denn das Gute überwiege, sonst würde man ja nicht jammern. Und zuletzt bleibe die Freiheit der Gedanken, die frei seien, auch das Unglück anzunehmen. Klingt gut. Aber die Stoiker sind mit dem Untergang Roms ausgestorben, wahrscheinlich, weil der soziale Aspekt fehlte. Denn was nutzt es schon, locker zu bleiben, wenn rundherum ein Weltreich versinkt. 

Entdeckung des Mitgefühls 
Paul Gilbert hat denn auch bei seiner Suche, die Unruh anzuhalten, eine interessante Beobachtung gemacht. Er wurde ausgerechnet beim Mitgefühl fündig. «Mitgefühl stimuliert das Beruhigungs- und das Bindungssystem und erzeugt damit Zufriedenheit». Das mache gelassen. Übrigens auch biologisch. Freundliche Worte und vertrauensvolle Berührungen setzen Endorphine und Oxytocin frei, jene Hormone also, die mit Ruhe, Wohlbefinden und Verbundenheit verknüpft sind. Klappt übrigens auch mit sich selbst. 

Liebe im Herzen
So einfach soll das sein? Spirituelle Bindung mit sozialer verbinden? Und genauso zärtlich mit sich selbst umgehen. Also: «Liebe Gott und deinen Mitmenschen! Wie Dich selbst!» Bibelkundige mögen sich erinnern, dass dieses Bonmot von Jesus stammt. Und wem sagte er es? Einem von Unruh Getriebenen, dessen Schwingungssystem die Anstrengungen aller anderen weit überragte. Aber er ging traurig weg, heisst es. Dopamin-Entzug, eben. Einen Versuch wäre es trotzdem wert. Am Ende findet das Herz ja seine Ruhe. Und Üben tut da schon mal ganz gut. 

 

Text: Reinhold Meier, Psychiatrie-Seelsorger und Journalist (BR) | Foto: Wolfgang Schneider, Lindau  – Kirchenbote SG, November 2017

 

 


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