News aus dem Kanton St. Gallen

Den Zugang zu den Quellen freilegen

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01.04.2022
Spitalseelsorgerin Ursula Walti erlebt im Paraplegiker-Zentrum viele menschliche Trägodien. In Gesprächen hilft sie Patienten, wieder zu ihren Quellen zurückzufinden.

Ursula Waltis Arbeit ist keine allt├Ągliche. Seit zehn Jahren ist sie als Seelsorgerin im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil t├Ątig. Leid, Schmerz und Schicksalsschl├Ąge sind in der grossen, hellen Begegnungshalle allgegenw├Ąrtig. Man trifft junge Menschen, Erwachsene und selbst Kinder, deren Leben von einem Tag auf den anderen aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit Kopf steht, die meisten fortan querschnittgel├Ąhmt und somit oft nicht in der Lage, irgendeinen Teil ihres K├Ârpers zu bewegen.

Tag f├╝r Tag bietet das ├Âkumenische Seelsorgeteam den 180 Patientinnen und Patienten Gespr├Ąche an, unabh├Ąngig von deren Religion, Konfession oder Weltanschauung. Zahlreiche Gespr├Ąche f├╝hrt Ursula Walti jeden Tag, manchmal sind es nur ein paar S├Ątze spontan im Gang, oft sind die Gespr├Ąche geplant und dauern bis zu einer Stunde. Manchmal wird sie nach Antworten gefragt. ┬źWeshalb ich? Warum l├Ąsst Gott das zu? Was hat das f├╝r einen Sinn?┬╗. ┬źFragen, auf die es oft keine Antworten gibt, die man nur miteinander aushalten kann┬╗, sagt Spitalseelsorgerin Ursula Walti.

Wenn sich Patientinnen und Patienten f├╝r biblische Geschichten empf├Ąnglich zeigen, verweist die 58-J├Ąhrige auch einmal auf Hiob oder den Leidensweg von Jesus. Zwar gibt auch die Bibel keine endg├╝ltige Antwort, macht aber Hoffnung, dass sich vielleicht irgendwann einmal ein Weg auftut, der den Sinn des eigenen Leides erkennen l├Ąsst.

Ein kleines St├╝ck neue Freiheit
Wie im Fall jenes Patienten, der nach einem Suizidversuch für eine neunmonatige Rehabilitation nach Nottwil kam. Seine Geschichte gleicht einem Wunder. Ein Einzelfall, der berührt, unter die Haut geht und Hoffnung schenkt. Die Ärzte diagnostizierten, dass ein Wirbel nahe der Halsgegend irreparabel verletzt worden war. Als er erwachte, erfuhr er, dass er ab jetzt Tetraplegiker sei. In der Rehabilitation lernte er, mit seiner Zunge den Computer zu steuern. So verschaffte er sich ein kleines Stück neue Freiheit.

Eines Tages wurde Ursula Walti von der Pflege um Unterst├╝tzung bei der Essenseingabe gebeten. So lernten sie und der junge Mann sich kennen und sch├Ątzen. Er habe sich eigentlich immer interessiert f├╝r den christlichen Glauben, habe aber keine Ahnung davon. Da er ja jetzt gen├╝gend Zeit habe, meinte er selbstironisch, solle sie ihm doch einmal etwas aus der Bibel vorlesen. Ursula Walti las ihm ein Gleichnis vor. Zu ihrer ├ťberraschung konnte er die uralten Worte sofort verbinden mit seiner Situation. Er h├Ątte nicht gedacht, antwortete er im Anschluss, dass die Bibel so viel mit seinem eigenen Leben zu tun h├Ątte und bat sie um Fortsetzung.

Neuer Zugang zur Spiritualit├Ąt
Von da an kam Ursula Walti regelm├Ąssig, diskutierte mit ihm ├╝ber Gott und die Welt, suchte gemeinsam mit ihm nach Antworten auf die vielen Fragen, die er hatte. Daneben recherchierte er im Internet ├╝ber andere Religionen und probierte verschiedene Mediationsformen aus, die er im Netz fand. ┬źJeder Patient hat seinen eigenen Zugang zum Thema Spiritualit├Ąt, wobei wir Seelsorgenden erster Kontaktpunkt sein k├Ânnen. Mit vielen Menschen besteht der Kontakt ├╝ber die Erstrehabilitation hinaus, weil sie immer wieder zur├╝ckkommen ins SPZ┬╗, so Ursula Walti.

Als der Patient Jahre sp├Ąter wieder in Nottwil eintritt, erz├Ąhlt er der Seelsorgerin, dass er seine Abh├Ąngigkeit heute aufgrund seiner st├Ąndigen Auseinandersetzung mit der Bibel besser ertragen k├Ânne. Heute sieht ihn Ursula Walti noch ab und an. ┬źEr sagt, dass er ein v├Âllig anderer Mensch ist als fr├╝her┬╗, so die Mutter zweier erwachsener Kinder. ┬źDass er quasi in ein neues Leben geboren wurde, er sehr intensiv lebt, sich f├╝r vieles interessiert, f├╝r das er fr├╝her keine Zeit hatte. Er lebt seine Kreativit├Ąt am Computer aus, zeichnet und schreibt viel. Er sagt sogar, er k├Ânnte heute nicht mehr viel mit der Person anfangen, die er einst war. Auch wenn er einen unglaublich hohen Preis f├╝r sein reiches Innenleben gezahlt hat.┬╗

Die eigenen Quellen geben Kraft und Trost
Zur├╝ck zu den eigenen Quellen, das ist ein zentrales Thema von Ursula Walti. Gemeinsam mit den Betroffenen versucht sie den oft versch├╝tteten Zugang zu diesen Quellen wieder frei zu schaufeln. ┬źDie eigenen Quellen sind es, die den Menschen Kraft und Trost geben, die Welt bunter werden lassen, Freude und inneren Frieden erzeugen┬╗, sagt sie. Die reformierte Seelsorgerin und ihr katholischer Kollege Stephan Lauper sind f├╝r alle Patientinnen und Patienten da, die das w├╝nschen. Manchmal ist Spiritualit├Ąt ein Thema, oft auch nicht. In der Spitalseelsorge d├╝rfe es nie ums Missionieren gehen, sagt Ursula Walti. Auch wenn f├╝r sie selbst die Frage nach Gott nat├╝rlich ein Thema ist. ┬źIch erlebe in Seelsorgebegegnungen oft das Geheimnis des Lebens. Nicht in grossen Wundern, sondern in kleinen Dingen. Manchmal ergeben sich spontan Gespr├Ąche mit Patienten auf dem Flur, die ich noch nicht kenne und die gerade jetzt ein offenes Ohr brauchen k├Ânnen. Manchmal hadern Patienten, die ich besuche, und stecken in einer tiefen Krise. Das n├Ąchste Mal k├Ânnen sie wieder an einem ganz anderen Punkt stehen. Manchmal wird Patienten und Angeh├Ârigen die Kraft geschenkt, ├╝ber sich hinaus zu wachsen.┬╗

Kreativer Umgang mit der F├╝lle
Unl├Ąngst ging auch Ursula Walti auf Quellen-Suche. Dabei half ihr ein Studienurlaub. ┬źDa ich mich wie ein vollgesogener Schwamm f├╝hlte, aufgrund der vielen Begegnungen und Erfahrungen in all den Jahren, sehnte ich mich danach, der F├╝lle in mir kreativ Ausdruck zu geben.┬╗

Sie bekam von der Landeskirche im Rahmen des ┬źStudienurlaubs┬╗ gr├╝nes Licht f├╝r die Teilnahme an einem autobiografischen Schreibkurs. ┬źDurch das Schreiben ├╝ber das Leben in all seinen Facetten fand ich zu einer kostbaren, aber etwas versch├╝tteten Quelle in mir zur├╝ck┬╗, sagt Ursula Walti. ┬źEs war ein grosser Mehrwert nach zehn Jahren im SPZ und ein Privileg f├╝r mich.┬╗

Carmen Schirm-Gasser, kirchenbote-online

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