Einen Fuss im Diesseits
«Die Mönche des alten Gallusklosters hatten seit jeher eine grosse Verehrung für den heiligen Franziskus», schreibt ein Autor mit dem Kürzel J.O. über das Verhältnis des Klosters St. Gallen zu dem charismatischen Menschen aus Assisi. Als Beleg dient J.O., den man in der Ostschweiz auch bestens als Josef Osterwalder kennt, die Nähe zu Gallus im grossen Himmelsbild der Kathedrale. Und vor allem: Aus dem gemalten Hochbarockbild ragt ein plastischer Franzfuss heraus. Für Osterwalder Anlass für die bissige Interpretation, der heilige Franz habe noch einen Fuss im Diesseits. Wo ihn die Kirchen mit seiner schöpfungsfreundlichen Art möglicherweise mehr bräuchten als der Himmel. Denn er lud durchaus auch mal Tiere zum Gebet ein, und zudem lebte er, was er predigte: ein Armutsideal. Was man im 20. Jahrhundert in der Jesusforschung wieder als entscheidenden Baustein für Leben und Lehre von Christus erkennt.
Kapuzinerwelle
Der 2012 verstorbene Josef Osterwalder, der zur begabten liberalen nachkonziliären Theologengeneration gehörte und zeitlebens eine menschenfreundliche Kirche anmahnte, behauptet damit eine franziskanische Tradition in der Ostschweiz. Das darf er natürlich in dem humorvollen Textgefäss in der Katholischen Presseagentur, wo der «Fussabdruck des Franz» erschien.
Zahlenmässiger Erfolg ist relativ
Es ist eine erhoffte Wahrheit, die er ausspricht: dass die Kirche, anstatt verstummt sich ins bessere Jenseits zu verziehen, sich im Diesseits um die Menschen kümmert. Historisch allerdings ist dies nicht so: «Es ist keine ausgeprägte franziskanische Tradition im spätmittelalterlichen Kloster St. Gallen bekannt», heisst es aus der Stiftsbibliothek auf Anfrage. Paul Zahner ist Dozent für Kirchengeschichte und geichzeitig Leitungsperson im Franziskanerkloster Näfels. Er sagt: «Viel stärker als die Franziskaner ab dem 3. Jahrhundert haben in der Ostschweiz die Kapuziner in der Zeit der Gegenreformation Fuss gefasst.» Die Kapuziner kennt man an ihrer braunen Kutte mit einer spitzen Kapuze, ihre Absicht zur Zeit ihrer Gründung ist die Erneuerung des franziskanischen Armutsideals. Von Süden nach Norden erfolgt im Gebiet der heutigen Schweiz ein Aufblühen dieser Tradition. «Eine Grundidee der Kapuziner ist, dass man in einer Fuss-Tagesreise vom einen zum anderen Kloster kommt», sagt Zahner. Und so zieht sich ein Netz von Kapuzinerklöstern über die Ostschweiz. Auf die Gründung von Frauenfeld (1595) folgen Rapperswil (1602), Mels (1651), Wil (1653), Näfels (1674, 1986 von den Franziskanern übernommen) und Untervaz (1699).
«Wir wollen das Evangelium leben»
Über die Kapuziner fassen auch die Kapuzinerinnen Fuss in der Ostschweiz, beispielsweise in Wattwil, in Altstätten, in der Notkersegg in St. Gallen sowie in Appenzell Innerrhoden. Zusammenfassend sagt Paul Zahner: «Die Bewegung der Kapuziner hatte in der Gegenreformation grossen Zulauf, aber eher im südlichen Teil des heutigen Kantons St. Gallen.» In der Aufklärung nimmt ihr Einfluss ab, und heute schrumpfen die Kapuziner wieder. «Die Kirche wird kleiner, das betrifft auch die Franziskaner und Kapuziner. Aber zahlenmässiger Erfolg ist ist relativ. Wir wollen das Evangelium leben, das ist entscheidend.» Und es gibt auch eine neue Niederlassung. In Maria Dreibrunnen bei Wil haben Franziskaner seit 2011 die Wallfahrtsseelsorge übernommen. Etwas von diesem gelassenen franziskanischen Geist spüre ich auch am Telefon mit Paul Zahner. «Gottes Segen für all Ihre Tätigkeiten», wünscht er mir. Ein berührender Hauch von Ewigkeitszuversicht weht in mein getaktetes Leben.
Einen Fuss im Diesseits