News aus dem Kanton St. Gallen

«Ich gehe an jede ‹Hundsverlochete›»

von Stefan Degen
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30.11.2023
Seit bald sieben Jahren arbeitet die St.  Galler Kirche mit ihrer «Vision 2025» daran, sich für die Zukunft fit zu machen. Zeit, bei Kirchenratspräsident Martin Schmidt nachzufragen, was die Vision bewirkt hat.

Martin Schmidt, die Leitziele der «Vision 2025» seien Wegweiser für eine «zeitgemässe, relevante» Kirche, steht auf der Website der Kantonalkirche. Inwiefern ist die Kirche dank dieses Wegweisers relevanter geworden?

Martin Schmidt: Der Kanton St. Gallen erarbeitete das Konzept Alter. In der Vernehmlassung gingen die Kirchen vergessen. Als Regierungsrätin Laura Bucher das Konzept dem Kantonsrat vorstellte, fragten einige Kantonsräte: Wo sind denn die Kirchen? Wer soll denn das alles umsetzen, wenn wir die Kirchen nicht im Boot haben? Zwei Wochen später hatten wir eine Einladung im Haus.

In der Schule haben wir an Relevanz verloren. Das bedaure ich – nicht nur für die Kirche, sondern vor allem für die Gesellschaft.

Wo zeigt sich die Relevanz sonst noch?

In Spitälern, in Gefängnissen, in Psychiatrien. Dort sind wir in der Seelsorge präsent. Im kirchlichen Sozialdienst und überall dort, wo wir diakonisch und seelsorgerlich tätig sind. In der Schule haben wir an Relevanz verloren. Das bedaure ich – nicht nur für die Kirche, sondern vor allem für die Gesellschaft, in der die religiös-ethischen Kompetenzen zunehmend verloren gehen.

«Die Kantonalkirche wagt Neues, das Freiheit verheisst», steht in der Vision. Was hat sie Neues gewagt?

Neue Formen von Kirche zum Beispiel: die englischsprachige All Souls Protestant Church (die ihren Betrieb inzwischen wieder eingestellt hat, Anm. d. Red.), die «Puure»-Kirche im Rheintal oder die App Resilyou. Aber auch in den klassischen Gottesdienstformen sind wir freier geworden, etwa in der musikalischen Gestaltung. Das ist viel innovativer und moderner als vor 50 Jahren. Aber vor 50 Jahren waren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anders. Da ist man nicht aus der Kirche ausgetreten, weil man sonst von den Grosseltern enterbt worden wäre.

Zur Diskussion steht auch das Parochialsystem: dass der Wohnort bestimmt, zu welcher Kirchgemeinde man gehört, und nicht, wo man sich zugehörig fühlt.

Das Parochialsystem mĂĽssen wir im Blick auf die Diskussion um eine Verfassungsrevision in den Blick nehmen. Unsere jetzige Verfassung sagt: Am Wohnort hast du das aktive und passive Wahlrecht, dort bezahlst du Steuern.

Das Parochialsystem garantiert einen Service Public. Wenn die Post und der Volg aus dem Dorf verschwinden, ist es wichtig, dass die Kirche bleibt.

Die Frage ist, ob es besser ist, wenn man das frei wählen kann. Wer eine frömmere Pfarrerin hören möchte, geht ohnehin schon in die entsprechende Gemeinde, wer eher liberal denkt, geht anderswo hin.

Was ist Ihre Meinung?

Ich persönlich würde am Parochialsystem festhalten, solange wir die Ressourcen haben. Das ist ein Service Public. Wenn die Post und der Volg aus dem Dorf verschwinden, ist es wichtig, dass die Kirche bleibt. Sonst haben wir nur noch Starpredigerinnen und Starprediger, zu denen alle hinrennen. Das ist nicht unser landeskirchliches System.

Also alles beim Alten?

Ich würde das Parochialsystem gerne ergänzen mit neuen Formen. Aber eben ergänzend, nicht alternativ. Die Revision des Finanzausgleichs, die die Synode in erster Lesung gutgeheissen hat, ermöglicht das.

Wir entwickeln ein Kartenset, wo man beim Bier, im Hauskreis oder bei einem Glas Wein über Glaubensfragen ins Gespräch kommt. Als Anregung, um vor Ort, in der Gemeinde, darüber nachzudenken, was unser Reformiert-Sein und unseren Glauben ausmacht, was uns verbindet.

Was tut die Kantonalkirche, um Mitglieder zu halten und neue anzusprechen?

Wir machen Kampagnen, zum Beispiel an der Olma, wo die Besucherinnen und Besucher Kirche überraschend erleben. Wir gehen raus, dorthin, wo die Menschen sind. Als Kirchenratspräsidet gehe ich an jede «Hundsverlochete», wie es im Rheintal heisst. Ich tue das, um Präsenz zu markieren und der Institution ein Gesicht zu geben. Wichtiger als Kampagnen ist aber sowieso etwas anderes.

Was denn?

Die Mitgliederbindung geschieht vor Ort, in den Gemeinden. Diese leisten gute Arbeit. Mein Vikariatsleiter hat einst gesagt: Wenn ihr in ein Dorf kommt, müsst ihr nicht das Programm der Kirchgemeinde anschauen. Das erfahrt ihr schon noch. Ihr müsst zum Tourismusbüro oder zum Verkehrsverein gehen und dort den Veranstaltungskalender holen. Da seht ihr: Turnvereinsunterhaltung, Dorfmarkt, Fasnacht, Neuzuzügerbegrüssung. Da lest ihr ein Dorf.

Die Kirche will mit den Visionen ihre Identität stärken. Wie geschieht das konkret?

Wir entwickeln eine Toolbox, die 2025 an die Kirchgemeinden geliefert wird. Darin gibt es zum Beispiel ein Kartenset, wo man beim Bier, im Hauskreis oder bei einem Glas Wein über Glaubensfragen ins Gespräch kommt. Wir haben ein Pop-up-Abendmahl und die T-Shirts von unseren Olma-Ständen. Das alles als Anregung, um vor Ort, in der Gemeinde, darüber nachzudenken, was unser Reformiert-Sein und unseren Glauben ausmacht, was uns verbindet.

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