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Nachruf

Jean Ziegler, 1934–2026: Der Unbequeme

von tz/nin
min
11.06.2026
Er nannte die Weltordnung kannibalisch, die Banken Feinde und das Evangelium revolutionärer als das Kommunistische Manifest. Nun ist Jean Ziegler im Alter von 92 Jahren gestorben.

Der Schweizer Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler starb am 10. Juni 2026 in Genf, 92-jährig, an den Folgen seiner Parkinson-Erkrankung.

Über Jahrzehnte prägte er die Schweizer Linke – als Politiker, Soziologieprofessor und UNO-Sonderberichterstatter. Er kämpfte gegen Banken und globale Konzerne. Von 2000 bis 2008 setzte er sich als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung ein.

Den Tod sah Ziegler nicht als Ende, sondern als Skandal. Sein Verhältnis zur Kirche blieb zeitlebens ambivalent. Er schätzte die Bergpredigt als «revolutionären Text», von der Institution selbst aber hielt er Abstand. Oft berief er sich auf Victor Hugo: «Ich hasse alle Kirchen, ich liebe die Menschen, ich glaube an Gott.» In späteren Jahren bekannte er sich zum christlichen Glauben und zeigte sich überzeugt, dass die Einzigartigkeit jedes Menschen über den Tod hinaus fortbestehe.

Das menschliche Bewusstsein sei auf Ewigkeit angelegt – der Tod reisse es gewaltsam heraus. Für ihn war Gott evident: Die Liebe, die in uns wohnt, müsse einen Ursprung haben.

Die Welt beschrieb er als «kannibalische Weltordnung», beherrscht von Finanzoligarchen, mächtiger als Könige und Kaiser. Dennoch schöpfte er Hoffnung aus Bewegungen wie Gewerkschaften und NGOs, die dem Kantischen Imperativ folgten: Wer andere entmenschlicht, zerstört sich selbst.

Das Evangelium nannte er den revolutionärsten Text überhaupt, noch vor dem Kommunistischen Manifest. «Gott hat keine anderen Hände als die unseren», zitierte er Bernanos 2017 in einem Interview mit dem «Kirchenboten». Die Zivilgesellschaft müsse diese absurde Weltordnung ändern – sonst niemand. Mit dem Tod Jean Zieglers verliert die Welt einen engagierten Linken und Christen – und einen unerschütterlichen Mahner.

 

> Zum Artikel: «Ich glaube an die Auferstehung»

Seit Jahrzehnten schreibt Jean Ziegler gegen Hunger, Armut und Ungerechtigkeit an. Jetzt hat er mit «Der schmale Grat der Hoffnung» ein weitgehend autobiografisches Buch geschrieben. Eine Gelegenheit, um mit Ziegler über Gott und die Welt zu reden.

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