News aus dem Kanton St. Gallen
Religionszugehörigkeit

Konversion und Asyl: «Ein Generalverdacht ist nicht angebracht»

von Tilmann Zuber
min
06.10.2023
In vielen Ländern ist die Religionsfreiheit bedroht. Wer seinen Glauben wechselt, wird bestraft oder gar hingerichtet. Das stellt die Frage: Wie sollen Behörden mit Asylbewerbern umgehen, die Christen werden? Eine Studie der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz sucht nach Antworten.

Zurzeit erregen die Bilder der unz├Ąhligen Fl├╝chtlinge in Lampedusa die Gem├╝ter. Die L├Ąnder Europas sind herausgefordert, auch im Entscheid, wer ein Recht auf Asyl hat. Ausschlaggebend f├╝r die Anerkennung ist, dass man in der Heimat aus politischen, ethnischen, aber auch religi├Âsen Gr├╝nden diskriminiert, gefoltert oder gar inhaftiert wird. H├Ąufig betrifft dies Christinnen und Christen.

Das wirft neue Fragen auf: Wie soll der Staat mit Menschen umgehen, die vor oder w├Ąhrend des Asylverfahrens die Religion wechseln und deshalb in ihrem Herkunftsland bedroht werden? Und ist ihre Konversion glaubw├╝rdig? Diesen Fragen geht eine Studie der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) nach. Verfasser sind der Ethiker Frank Mathwig und der Migrationsexperte David Zaugg. Es habe vereinzelt Anfragen aus Kirchgemeinden gegeben, wie man mit Asylsuchenden umgehen solle, die sich f├╝r den christlichen Glauben interessierten, sagt David Zaugg zum Anlass der Studie. In der Schweiz handle es sich aber um Einzelf├Ąlle, verl├Ąssliche Statistiken dazu gebe es nicht. Anders in Deutschland. W├Ąhrend der Fl├╝chtlingswelle 2015 gab es eine Reihe von Migranten, die Christen wurden und dies im Asylverfahren geltend machten.

L├Ąngerer Prozess der Bekehrung

F├╝r Philippe Fonjallaz, Pr├Ąsident der Menschenrechtsorganisation Open Doors Schweiz, ist der Weg zur Konversion ein kleiner Schritt in einem Prozess, der schon viel fr├╝her begonnen hat. Viele Asylsuchende seien bereits in ihren Heimatl├Ąndern mit Christen und der Bibel in Kontakt gekommen, erkl├Ąrt Fonjallaz. ┬źManche erleben eine ├╝bernat├╝rliche Begegnung mit Jesus, sei es in Tr├Ąumen, Visionen oder Erscheinungen, und bekehren sich sofort.┬╗ Andere treffen auf ihrem Fluchtweg nach Europa in den NGOs Christinnen und Christen, die ihnen helfen. Die Frage der Fl├╝chtlinge ┬źWarum macht ihr das?┬╗ f├╝hre zu tiefen Gespr├Ąchen ├╝ber den Glauben.

Wenn die Kirche eine geflüchtete Person tauft und aufnimmt, entscheidet sie nicht über deren Bleiberecht oder Schutzstatus.

Gibt es nicht auch Asylsuchende, die konvertieren, in der Hoffnung, leichter Asyl zu erhalten? ┬źWo die Not gross ist, gibt es auch Missbrauch┬╗, sagt Fonjallaz. Einen Generalverdacht lehnt er aber ab. Auch f├╝r David Zaugg ist ein Generalverdacht nicht angebracht. Es gebe gute Gr├╝nde, zum christlichen Glauben zu konvertieren. Gerade als Kirche erlebe man das immer wieder. ┬źZudem: Wer kann schon beurteilen, was in einem Menschen vorgeht?┬╗, so Zaugg. Weder der Pfarrer oder die Pfarrerin noch Beh├Ârden k├Ânnten das. Man m├╝sse nach den Aussagen der Menschen urteilen, ohne naiv die Augen zu verschliessen. Auch eine vollzogene Taufe sei kein Beweis daf├╝r, dass es jemandem mit seiner Bekehrung ernst sei.

Lange Geschichte der Glaubensfl├╝chtlinge

Das Papier der EKS beleuchtet das Thema aus theologischer, soziologischer und rechtsethischer Sicht. Es erinnert daran, dass religi├Âse Verfolgung zu den ├Ąltesten Fluchtgr├╝nden der Menschheitsgeschichte geh├Ârt. Zahlreiche Glaubensfl├╝chtlinge wie die Reformierten aus Locarno, die Hugenotten aus Frankreich oder die Buddhisten aus Tibet suchten in der Schweiz Schutz.

Gegenstand einer Konversionspr├╝fung im Asylverfahren k├Ânne nicht der Religionswechsel selbst sein, h├Ąlt die Studie fest. Aus Sicht der Kirchen gelte: ┬źWenn die Kirche eine gefl├╝chtete Person tauft und aufnimmt, entscheidet sie nicht ├╝ber deren Bleiberecht oder Schutzstatus.┬╗ Theologisch gehe es um B├╝rgerrechte im Reich Gottes und nicht um politische Rechte, die s├Ąkulare Staaten gew├Ąhren. F├╝r staatliche Beh├Ârden hingegen sei die Gef├Ąhrdungslage im Herkunftsland entscheidend.

Diese Ansicht teilt auch Philippe Fonjallaz. Er weist darauf hin, dass das Staatssekretariat f├╝r Migration bem├╝ht sei, eine angemessene Einsch├Ątzung der Religionsfreiheit in den Herkunftsl├Ąndern vorzunehmen. Dabei seien die R├╝ckmeldungen der Hilfswerke ├╝ber die aktuelle Situation in diesen L├Ąndern wichtig. Und da sieht die Lage teils gravierend aus: Nach dem Weltverfolgungsindex, den das Hilfswerk Open Doors j├Ąhrlich erstellt, werden rund 360 Millionen Christinnen und Christen diskriminiert oder verfolgt. An den vorderen Stellen stehen L├Ąnder wie Nordkorea, Somalia, Jemen, Eritrea, Libyen, Nigeria, Pakistan, Iran, Afghanistan und Sudan. Dort kommt es regelm├Ąssig zu ├ťbergriffen auf Andersgl├Ąubige. Wer sich in diesen Staaten vom Islam abwendet, dem droht die Todesstrafe.

W├Ąhrend die Beh├Ârden eine Sensibilit├Ąt f├╝r das Thema zeigten, ist dies bei den Medien wenig der Fall. Philippe Fonjallaz: ┬źLeider stellen wir fest, dass die Medien zu wenig ├╝ber die Verletzung der Religionsfreiheit und insbesondere ├╝ber die Verfolgung von Christen berichten. Als Beispiel nennt er China. Wenn ├╝ber die Verletzung der Religionsfreiheit in China berichtet werde, gehe es oft nur um die Situation der muslimischen Minderheit der Uiguren. Dabei sei es wichtig, alle religi├Âsen Minderheiten zu sch├╝tzen.

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