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Osterwitz im Basler Münster

Risus paschalis: Die mittelalterliche Tradition des Osterlachens kehrt zurück

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31.03.2026
An Ostern wagt das Basler Münster ein kleines Experiment mit grosser Pointe: Die Pfarrerin erzählt von der Kanzel einen Witz. Der Brauch des Osterlachens stammt aus dem Mittelalter. 

Der Basler Reformator Oekolampad hätte die Stirn gerunzelt. Denn direkt neben seinem Wirkungsort wird die Münsterpfarrerin Caroline Schröder Field im Ostergottesdienst einen Witz erzählen. Sie greift damit eine mittelalterliche Tradition auf, die Oekolampad entschieden ablehnte: das «Risus paschalis», das Osterlachen. Damals brachten Geistliche ihre Gemeinde an Ostern mit Witzen und Possen zum Lachen. Für Oekolampad war das untragbar. Doch heute erlebt der Brauch eine Renaissance.

So auch im Basler Münster. Der 27-jährige Vikar Felix Berki hat das Osterlachen initiiert. Für ihn gehören Humor und Witz zum Leben. Sie erleichtern vieles, besonders in Beziehungen oder Freundschaften. Selbst in schwierigen Momenten, wenn Worte fehlen, hilft Humor, Probleme zu relativieren und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Viele Erwachsene verlernen das, meint Berki. Kinder lachen gemäss Studien bis zu 400-mal am Tag, Erwachsene nur rund 15- bis 20-mal.

Lachmeditation im Basler Münster

Auf der Suche nach einem Osterwitz organisierte Berki einen Humor-Workshop mit dem Titel «Gold, Weihrauch und Möhren». Es kamen etliche Besucher. Mit dabei: die Allgemeine Lesegesellschaft Basel, die Basler Schnitzelbangg Gesellschaft, Pia Inderbitzin, ehemalige Obfrau des Basler Fasnachtscomités, die katholische Kirche Basel-Stadt und viele andere. Höhepunkt war eine Lachmeditation mit Pfarrerin Monika Widmer. Nach dem Motto «Fake it till you make it» brachte sie die Teilnehmer zum Lachen, bis das ganze Münster widerhallte, erzählt Berki.

 

Vikar Felix Berki hat das Osterlachen im Basler Münster initiiert. Er ist überzeugt: Humor gehört zum Leben und auch zum Glauben. | Foto: Zuber

Vikar Felix Berki hat das Osterlachen im Basler Münster initiiert. Er ist überzeugt: Humor gehört zum Leben und auch zum Glauben. | Foto: Zuber

 

Das Osterlachen war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit in Teilen Europas verbreitet. Die Idee dahinter ist simpel: Wenn Christus den Tod besiegt, darf gelacht werden – ja, man soll es sogar. Der Tod, so die Logik, ist der Verlierer und wird ausgelacht. In manchen deutschsprachigen Regionen wurde daraus eine liturgische Tradition. Pfarrer erzählten in der Ostermesse Witze, absurde Geschichten oder Anekdoten. Ziel war nicht Belehrung, sondern ein Moment kollektiver Erleichterung: ein Lachen. Der Tod hatte seinen grossen Auftritt am Karfreitag – nun stand er als tragikomische Figur auf der Bühne. Für mittelalterliche Theologen war Ostern nicht nur der Sieg über den Tod, sondern auch ein göttlicher Streich. Gott, so könnte man sagen, hat Tod und Satan ausgetrickst. «Tod, wo ist dein Stachel? »

Natürlich stiess das nicht überall auf Zustimmung. Schon im 17. und 18. Jahrhundert klagten kirchliche Autoritäten, manche Prediger übertrieben es. Der Witz wurde derb, das Gelächter laut, die Kirche zum Wirtshaus. Irgendwann zogen die Obrigkeiten die Notbremse: Das Osterlachen verschwand aus den Gottesdiensten.

Denkt der Pfarrer so für sich: Ich wünsche mir, dass in meinem Gottesdienst mal ein Wunder geschieht. Dann würden endlich alle glauben. Und dann passiert  es ausgerechnet an Ostern. Eine Dame ruft gegen Schluss: «Herr Pfarrer, ich kann wieder laufen!» Der Pfarrer fällt auf die Knie, lobt Gott und fragt: «Wie ist das geschehen?» Und die Dame antwortet: «Sie haben so lange gepredigt, jetzt ist der Bus weg.»

Heute wird der Brauch wiederentdeckt. Einer, der ihn populär macht, ist Bischof Stefan Oster aus Passau. Nach dem Ostergottesdienst erzählt er regelmässig einen Witz. 2024 brachte er im Stephansdom die Gemeinde zum Lachen. Der Mitschnitt landete auf YouTube und wurde 1,4 Millionen Mal geklickt. Mit diesem viralen Erfolg hat Oster das Osterlachen nicht nur wiederbelebt, sondern digitalisiert.

Heidenspass für die Heiden

Seit fast 2000 Jahren haben Scherz und Witz in der Kirche einen schweren Stand. Alle Konfessionen sind sich einig: Der christliche Glaube ist eine ernste Angelegenheit. Lachen hat in der Kirche wenig Platz, obwohl Psychologen und Mediziner längst wissen, dass Humor befreit und Stress abbaut.

Zwei Fussballfans im Stadion in Köln. Vor ihnen zwei katholische Ordensschwestern mit ausladenden Kopfhauben, sodass sie nichts sehen. Sagt der eine Fussballfan zum anderen: «Wären wir nur in Berlin, dort gäbe es maximal 10 Prozent Katholiken.» Sagt der andere: «Wären wir nur in Leipzig, dort gibt es nur 3 Prozent Katholiken.» Dreht sich eine der Ordensschwestern um und entgegnet: «Ach, fahren Sie doch zur Hölle! Dort gibt es gar keine Katholiken!›»

Im kirchlichen Alltag hat sich diese Erkenntnis kaum durchgesetzt. Sonntags strömt die Gemeinde in Gottesdienste, die meist in Moll-Tonart gehalten sind. Der Grund für die Humorlosigkeit liegt wohl im Missverständnis, die Frohe Botschaft sei etwas Ernstes. Am «Heidenspass» erfreuen sich nur die Heiden. Während die griechischen Götter im Olymp lachten, forderte Kirchenvater Johannes Chrysostomos: Ein Christ, der mit seinem Herrn gekreuzigt sei, dürfe nie lachen, sondern müsse weinen.

Humor kann subversiv und befreiend wirken

Humor birgt zudem Sprengkraft. Wer Witze macht, stellt Autoritäten infrage. Humor kann subversiv, anarchisch und befreiend wirken. Kein Wunder, dass die katholische Kirche keinen Schutzpatron des Humors kennt – obwohl es Heilige für fast alles gibt, zuletzt Carlo Acutis, den «Schutzpatron des Internets». Auch die Reformation änderte wenig an der kirchlichen Humorlosigkeit. Im Gegenteil: Die strenge calvinistische Kirchenzucht verbannte den Spass vor die Kirchentür.

Henry Ford hat eine Privataudienz beim Papst: «Heiliger Vater, könnten Sie das Paternoster nicht so ändern, dass da irgendwo das Wörtchen Ford vorkommt?» Der Papst ist entrüstet: «Wo denken Sie hin?» – «O Heiliger Vater, nur ganz unauffällig … Sie können sich denken, ich bin da nicht knauserig …» – «Nein, das ist ein Ding der Unmöglichkeit!» – «Ich biete Ihnen zehn Millionen Dollar!» – Der Papst wird traurig: «Sie betrüben mich, mein Sohn.» – «Dann», sagt Ford, «sagen Sie mir wenigstens, was Fiat für das ‹Fiat voluntas tua› bezahlt hat.»

Hatte Jesus Humor? «Ja», sagt Felix Berki. Jesus erzählte gemäss der biblischen Überlieferung keine Schenkelklopfer, aber seine Gleichnisse und Geschichten zeugen von Schlagfertigkeit und hintergründigem Witz. Etwa, als er den Schriftgelehrten und Pharisäern, die eine Ehebrecherin vor ihn brachten, sagte: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.» Oder als er auf der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelte.

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