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Leben & Glauben

Was es heissen kann, im Leben nicht nur die «Sterblichkeit» des Menschen, sondern auch seine «Geburtlichkeit» vor Augen zu haben

Wir sind alle geburtlich – bis in den Tod

23.11.2016
«Ulrich Zwingli wurde als Sohn des Johann Ulrich Zwingli und der Margret Bruggmann am 1. Januar 1484 in Wildhaus im Toggenburg geboren.»

An diesem Satz ist nichts Ungewöhnliches, denn mit den Eltern, dem Geburtsdatum und dem Geburtsort beginnt fast jede Biografie. Meistens folgen ein paar Sätze über das Milieu, in dem ein Mensch aufgewachsen ist, über Kindheit und Jugend. Und dann kommt das Eigentliche: Reisen, Konflikte, Schriften, Schlachten, Siege, Wirkungen, Tod. 

«Man hat den Anfang zu bedenken vergessen.»

Was wäre, wenn wir einmal etwas länger als üblich beim ersten Satz einer Biografie verweilen würden? Zum Beispiel derjenigen Ulrich Zwinglis, oder unserer eigenen? Etwa dann, wenn der Reformations-Truck vom 21. bis 23. Dezember 2016, kurz vor dem göttlichen Geburtsfest, in Wildhaus verweilen wird, ganze sechsunddreissig Stunden lang. Das ist ungewöhnlich viel Zeit zum Nachdenken über unser aller Geburtlichkeit. 

Die Bedeutung des Geborenseins

Geboren zu werden bedeutet, als ganz und gar abhängiger Neuankömmling aus dem Leib eines Menschen der vorangegangenen Genera­tion in die Welt einzutreten. Ungefähr neun
Monate hat jede und jeder von uns im mütterlichen Körper zugebracht, bevor wir «zur Welt gekommen» sind. Die Mutter ihrerseits ist Tochter einer Tochter einer Tochter. Ebenso wenig wie der Vater ist sie «Erzeugerin» des Kindes. Sie hat etwas entgegengenommen, dessen Ursprung ihr verborgen bleibt. Sicher: Heute sagen uns Biologen, die Einzigartigkeit jedes Menschen sei in der Kombination aus mütter­lichen und väterlichen Genen begründet. Aber woher kommen die Gene? Wer entscheidet, welche sich mit welchen zusammentun? 

Und woher kommt das Leben selbst?

Nach der Geburt wird die Nabelschnur durch­trennt. Das heisst allerdings nicht, dass der Mensch «unabhängig» würde. Im strengen Sinne wird kein Mensch je unabhängig. Realistischer ist die Vorstellung, dass wir alle aus dem einen in einen anderen Mutterleib hinein geboren werden: in den grossen Mutterleib Welt. Ob einer Ulrich Zwingli oder Steve Jobs, ob eine Hillary Clinton oder Maria von Nazaret heisst: alle bleiben vom ersten bis zum letzten Tag ihres Lebens abhängig von Luft und Wasser, von Erde, Pflanzen und Tieren, von der Fürsorge ihrer Mitmenschen, von schützenden Gemeinwesen und von Regeln, an die sich alle mehr oder weniger halten. Zwar lernen die meisten, selbst zu stehen, wegzugehen, zu sprechen und in bezogener Freiheit ein Stück Welt zu gestalten. Aber alle bleiben ihr Leben lang Töchter und Söhne, eingeordnet in Generationengefüge,
Geschichten und Kulturen, aus denen sie nur begrenzt ausbrechen können. Ist denn ein Ulrich Zwingli vorstellbar, der nicht am 1. Januar 1484 in Wildhaus geboren wäre? Ist irgendetwas von dem, was der Geburt folgt, unabhängig vom Anfang? Gibt es einen Menschen, der erzählen könnte, wie es sich lebt, ohne geboren worden zu sein?

Das geborene Göttliche

Es ist seltsam, dass wir Christinnen und Christen einerseits glauben, auch das unverfügbare Göttliche sei geboren, nämlich als Jesus Christus an Weihnachten. Dass wir andererseits uns trotzdem viele Jahrhunderte lang von Philosophen und Theologen bloss «die Sterblichen» haben nennen lassen. Man hat den Anfang zu bedenken vergessen. Zwar feiern wir Weihnachten und unsere Geburtstage, aber wir denken kaum darüber nach, was es bedeutet, dass wir alle bis zu unserem Tod erwachsen gewordene Babys bleiben: neugierig, offen, spielerisch, abhängig, lernbereit, wie Jesus von Nazaret. 

Fünfhundert Jahre Reformation könnten eine Gelegenheit sein, über Gottes und unser aller Anfänglichkeit nachzudenken, auch über die Art von
Freiheit, die Jesus gelebt hat und die bis heute seine Faszination ausmacht. Denn Jesus lebte eine kindliche, wagemutige, fantasievolle Freiheit, die gerade deshalb die Welt bewegt, weil sie sich nicht von ihrem geburtlichen Anfang löst, sondern ihn ein Leben lang kultiviert. 

Zum Weiterlesen: 

Hans Saner, Geburt und Phantasie. Von der natürlichen Dissidenz des Kindes, Basel 1977
Ina Praetorius, Immer wieder Anfang. Texte zum geburtlichen Denken, Ostfildern 2011

 

Text: Ina Praetorius, Wattwil | Foto: Daniel Ammann  – Kirchenbote SG, Dezember 2016

 


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