Logo
Leben & Glauben, Religionen

Wer den Kopf bedeckt, zeigt Demut

28.01.2021
Manche Christinnen bedecken ihr Haar beim Beten bis heute mit einem Schleier. Von Kopfbedeckungen erzählt bereits die Bibel. Sie sind mit der Frage verbunden, wie Gott den Menschen begegnet und wie sie darauf antworten.

Im zürcherischen Säuliamt gibt es das Güetli. Das ist ein wunderschöner ökologischer Bauernhof, zu dem auch eine Gärtnerei und ein Gästehaus gehören. Geführt wird das Güetli von einer christlichen Gemeinschaft. Es herrscht eine liebevolle Atmosphäre, in der Gäste seelisch auftanken. Nur etwas erscheint diesen seltsam, wenn sie ein erstes Mal an den täglichen Andachten teilnehmen: Die Mitarbeiterinnen bedecken ihr Haar mit einem Schleier, weil sie wortwörtlich nehmen, was in den meisten Bibelübersetzungen etwa so formuliert wird: Die Frau soll beim Beten ihr Haar bedecken (1. Kor 11,5-6).

Relikt aus uralten Zeiten

Im orthodoxen Judentum besteht eine Analogie: Verheiratete Frauen tragen eine Perücke. Beides ist ein Relikt aus uralten Zeiten. Rebekka, die Mutter von Jakob und Esau, verhüllte ihr Gesicht, als sie ihrem zukünftigen Mann, Isaak, zum ersten Mal begegnete (Gen 24,63-65).

 

Erst am Morgen realisierte der gute Mann, dass man ihm die falsche Braut untergejubelt hatte.

 

Das war zu jener Zeit allgemeiner Brauch und entspricht bis heute den Gepflogenheiten vieler Völker im Orient. Der Bräutigam soll das Gesicht seiner Braut erst in der Hochzeitsnacht erblicken. Dummerweise ist es dann dunkel, und zudem hat er vielleicht andere Prioritäten. Wohin das führen kann, erfahren wir aus der Jakobsgeschichte: Erst am Morgen realisierte der gute Mann, dass man ihm die falsche Braut untergejubelt hatte. Für eine Reklamation war es jetzt zu spät.

Trauer, Scham und Verzweiflung

Die Bibel erzählt nur an wenigen Stellen, wie Menschen ihr Gesicht verhüllten. Für Prostituierte war es scheinbar üblich (Gen 38,15). Ansonsten taten sie es, Männer und Frauen, wenn sie verzweifelt oder traurig waren. So David, als er aus Jerusalem fliehen musste und als sein Sohn Abischalom starb. Auch Schamgefühle konnten ein Anlass sein, das Gesicht zu verhüllen (Jer 14,3-4).

Mose legt Hülle ab

Wenn jemand in der Bibel sein Gesicht verhüllt, bedeutet das: «Ich nehme mich selber zurück. Ich bin demütig.» Fachleute sprechen vom «Selbstminderungsritus». Besonders deutlich zeigt sich das bei Mose und Elija. Wie sich ihnen Gott offenbart, verhüllen sie ihr Gesicht. «Denn er fürchtete sich, zu Gott zu blicken,» erfahren wir über Mose, als er plötzlich vor einem brennenden Dornbusch steht und dieser zu sprechen beginnt.

 

«Denn er fürchtete sich, zu Gott zu blicken», erfahren wir über Mose.

 

Doch mit der Zeit entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen Gott und Mose und etliche Jahre später heisst es: «Wenn nun Mose hineinging vor den Herrn, um mit ihm zu reden, legte er die Hülle ab, bis er wieder heraustrat.» Allerdings musste er sich nun verhüllen, wenn er vor das Volk Israel trat. Seine Begegnung mit Gott hinterliess einen derart starken Eindruck, dass sich die Leute davon irritieren liessen (Ex 34,29-35).

Begegnung mit Gott

Vermutlich kennt niemand unter uns derartige mystische Erfahrungen. Aber genügt es nicht sowieso, wenn wir am Ende eines Gottesdienstes jeweils erfahren: «Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir; er hebe sein Angesicht über dich.»? Auch in unseren ziemlich rationalen Gottesdiensten geht es um die Begegnung mit Gott. Dieses Bewusstsein macht unabhängig davon, ob und wie uns eine Predigt anspricht. Bedecken müssen wir unser Gesicht nicht, weil er uns in der Gestalt von Jesus begegnet und er uns durch dessen Augen anschaut.

Eine Frage aber beschäftigt mich: Woran sieht man mir an, dass ich am Sonntagmorgen Gott begegnet bin? Als Mann trage ich eher keinen Schleier. Und überhaupt: Sollte man es mir nicht ohne äusseres Merkmal ansehen?

Text: Rolf Kühni, Pfarrer i. R., Sargans | Foto: epd-bild / Werner Krüper – Kirchenbote SG, Februar 2021


ÄHNLICHE ARTIKEL
Von roundabout SG-APP (Rahel Schwarz) erfasst am 14.09 2018 11:50

Danke!

Vielen Dank für die Veröffentlichung des Artikels. Wir freuen uns über jedes interessierte Mädchen, über neue Partnerorganisationen oder Workshop-Anfragen. Freundliche Grüsse Rahel Schwarz kantonale Leiterin roundabout SG-APP

Von Maurer Charlotte erfasst am 06.01 2020 09:13

Erwachseme Taufe

Ein lieber Freund, der sich inzwischen sehr mit Gott verbunden hat, möchte eine Erwachsenen Taufe. Er ist als Kind reformiert getauft. Bitte können Sie uns da helfen?

Kommentar erstellen
KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Zwischen Zebra und Löwe  | Artikel

An der St. Galler Olma kann man sich hinter einer Krippe fotografieren lassen – umgeben von exotischen Tieren. Hinter der ungewöhnlichen Aktion steckt die reformierte Kiche des Kantons St. Gallen.


«Pilger»  | Artikel

Mit dem Lied «Mariam Matrem», vorgetragen vom «Pilgerprojektchor Inscriptum», erleben wir in diesem kurzen Trailer die «Pilger» des Künstler Johann Kralewski, wie sie in der Offenen Kirche St.Gallen auf das Graffiti «des offenen Himmels» von Stefan Tschirren blicken und sich in die Kirche St.Mangen bewegen - am 24.9.2021. Leitung des Projektchors: Walter Raschle. Clip: Andreas Schwendener

Umzug in die Kirche St. Mangen in voller Länge (38 Minuten).


«Back to the roots!» mit Zen-Meister Niklaus Brantschen  | Artikel

«Back to the roots», die Folge 24 von «Zauberklang der Dinge», verbindet die Refrains von zwei Liedern, die Peter Roth nach Gedichten von Dschallalu Din Rumi geschrieben hat. Beide giessen die tiefsten Einsichten aller Mystikerinnen und Mystiker, zu allen Zeiten, in poetische Worte und Bilder. In «This body is a rose» hören wir: Während Formen kommen und gehen, ist ihre Essenz unvergänglich, ewig! Und in «Don’t go away» sagt Rumi: Die ganze Schöpfung, alles fließt aus der gleichen Quelle – kehren wir zu ihr zurück – back to the root of the root! Barbara Balzan und Niklaus Brantschen – die junge Sängerin und der alte Zen-Meister, die Frau und der Mann – teilen ihre Gedanken zu diesen Liedern.


Bloggen Sie mit!  | Artikel

Der Kirchenbote hat neu einen Blog. Reden Sie mit, schauen Sie herein. Es warten spannende Themen auf Sie.