Logo
Kirche

Biblische Besinnung zum Thema «Sich weiterbilden»

Lernen, Mensch zu werden

01.01.2016
Der Auftrag Jesu an seine Freunde ist klar: Sie sollen lehren. Die Katechese, der Taufunterricht, hat hierin seine Wurzeln.

Als Freunde Jesu sind wir aufgefordert zu lehren – aber dies können wir nur, wenn wir auch lernen. Und so habe ich mich zunächst befragt, wie ich lerne. Grundsätzlich sind wir ja «Lernlinge». Sobald wir auf die Welt kommen, beginnt es, und ich denke, es hält an bis zum letzten Atemzug.

Lernfelder
Ich lerne auf verschiedene Arten: Ich lerne auf der Wissensebene. Wenn mich ein Thema interessiert, dann lese ich Bücher, beschäftige mich damit, vielleicht gibt es Filmmaterial, oder ich mache eine Ausbildung, besuche einen Kurs, lasse mich von andern belehren. Ich lerne auf der Ebene der Fähigkeiten: Wenn ich mir eine neue aneignen will, geht dies nicht ohne fleissige Übung (Instrument, Sport, Sprache oder anderes Hobby).
Ich lerne auf der existenziellen Ebene durch Erfahrungen, die ich mache, durch schöne Erfahrungen und wohl noch mehr durch schwierige. Ich lerne schliesslich durch andere Menschen, durch Beziehungserfahrungen, durch ihr Beispiel im Positiven wie im Negativen.

Lernen – auf den Wegen mit Jesus
Bevor Jesus seine Freunde auf den Weg schickte, um zu lehren, hat er sie selbst gelehrt. Er hat dies getan in Form von einer Weggemeinschaft. Seine Freunde waren mit ihm zusammen unterwegs, haben sein Leben geteilt, ­haben Erfahrungen mit ihm gemacht, und sie wurden Zeugen seines gewaltsamen Todes und seiner Auferstehung. Dies war wohl die tiefste und die prägendste Lernerfahrung. Sie haben gelernt auf alle bereits geschilderten Arten: Da kam neues Wissen (Jesus hat gepredigt), da ­kamen neue Fähigkeiten (sie wurden ausgeschickt, selbst zu predigen und zu heilen), sie haben gelernt durch die Erfahrungen, die sie mit Jesus gemacht haben, gelernt dank der Weggemeinschaft, die sie gebildet haben.

Lehr- und Lerngemeinschaft Kirche
Und jetzt sollen sie selbst lehren. Modern ausgedrückt sollen sie lehren, was es heisst, Christ zu werden. Von mir als Pfarrerin wird erwartet, dass ich dies kann. Und natürlich «kann» ich das, ich habe unterrichtet, v.a. Erwachsene, und dies sehr gerne. Ich predige, ich habe eine theologische Ausbildung. Und dennoch glaube ich, dass die Fähigkeit zu unterrichten oder eine ansprechende Predigt zu schreiben, nicht das Wesentliche ist.

«… und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe.» Matthäusevangelium 28, 20

Wesentlich ist, dass ich mich bis heute weiterhin frage: «Was heisst es für mich, alles zu halten, was Jesus gelehrt hat?» Ich befrage mein Leben daraufhin. Und wenn ich eine Antwort suche, nehme ich kein Handbuch der Dogmatik zur Hand. Eher befrage ich Jesu Leben, und übersetze, was ich finde, in mein jetziges, heutiges Leben, in mein Handeln und Tun. Ich suche es im Dialog mit andern, die auch in dieser Weggemeinschaft sind – einander Lernende und Lehrende. Und so sind meine Antworten immer vorläufige, weil ich Lernende bleibe, mein Leben lang. Und als diese Lernende will ich Lehrende sein. So sind wir Kirche unterwegs, als Lehr- und Lerngemeinschaft. Das ist zutiefst reformatorisch. 

Text: Annette Spitzenberg, Spitalpfarrerin, St.Gallen | Foto: as  – Kirchenbote SG, Oktober 2015


KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Zwischen Zebra und Löwe  | Artikel

An der St. Galler Olma kann man sich hinter einer Krippe fotografieren lassen – umgeben von exotischen Tieren. Hinter der ungewöhnlichen Aktion steckt die reformierte Kiche des Kantons St. Gallen.


Was denken Sie dazu? Diskutieren Sie mit!  | Artikel

Der Kirchenbote führt neu einen Blog! Haben Sie zu unseren Themen etwas erlebt, eine Erkenntnis gewonnen? Diskutieren Sie mit!


Zauberklang der Dinge – Niklaus Meienberg  | Artikel

«Eigentlich bin ich mir längst abgestorben, ich tu nur noch so als ob - Atem holen, die leidige Gewohnheit hängt mir zum Hals heraus!» Mit diesem Satz beginnt das Gedicht «Rivers of Babylon» von Niklaus Meienberg. Dieser Text steht im Zentrum der neuen Folge 25 von Zauberklang der Dinge. Schauspieler Peter Rinderknecht singt uns diese Worte. Das Lied «This body is a rose», nach einem Text des Mystikers Dschallalu din Rumi, gesungen von Barbara Balzan, bildet gleichsam einen Kontrapunkt.