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Wirtschaft

Experimente mit alten Kirchen harzen

15.09.2016
Auf dem Reissbrett ist das Problem überschüssiger Kirchengebäude schnell gelöst: Verkaufen und umbauen, Gottesdienst raus, Neues rein. Doch in der Praxis harzt es mächtig. Richtig geglückte Beispiele sind rar.

Immer mal wieder rauscht das Thema durch den Blätterwald. Es gäbe zu viele Kirchengebäude, dafür immer weniger Mitglieder, und Geld für die Erhaltung fehle auch. Also müsse über Umnutzungen nachgedacht werden. Heisst im Klartext: Entweder könnte man Dritte gegen Kostenbeteiligung in den Sakralraum lassen oder ihnen die Kirche komplett vermieten oder sie gleich ganz verkaufen. Im Kanton St. Gallen gibt es zwei Beispiele für letzteres, das Dömli von Ebnat-Kappel und die Leonhardskirche in der Hauptstadt. 

Diese präsentiert sich, je nach Sichtweise, als Trauerspiel oder Vision. Denn der Winterthurer Architekt Giovanni Cerfeda will hier ein Eventzentrum aufziehen. Seit 2004. Ausser einem Brausilvester war aber noch nicht viel zu sehen. In die Schlagzeilen schaffte es das Gotteshaus vor allem durch einen Grossbrand des Dachstuhls. Der wurde zwar geflickt, angekündigte Umbaupläne aber nicht präsentiert.
Cerfeda, der sich mehrfach mit dem Vorwurf der «Funkstille» konfrontiert sah, nicht zuletzt vom Amt für Baubewilligungen, kündigte die Vorstellung seiner Pläne für die nächsten sechs Monate an, wie das St. Galler Tagblatt berichtete. Das war vor einem Jahr. 

«Steckt viel Idealismus drin»

Während Firmenanlässe, Jubiläen und Konzerte also in St. Gallen noch auf sich warten lassen, geht es im Dömli von Ebnat-Kappel immerhin etwas voran. Dort ist mit Ueli Walliser auch jemand persönlich zu erreichen. «Im Sommer lief im Dömli tatsächlich nicht viel», gesteht der Assistent von Besitzer und Unternehmer André Keller zwar unumwunden ein. Immerhin habe es jüngst ein Firmenfest gegeben und neue Möbel, ergänzt Walliser. Ende April inszenierte die Kantonsschule Wattwil das Theaterstück «Huld und Schuld»: Zwingli war also zurück im Tal und in der Kirche. Mitte September, so Walliser, war ein Konzert avisiert, Hackbrett traf Boogie Woogie. Offenbar der Auftakt zu mehr. Im Winterhalbjahr biete man weitere acht bis zehn Konzerte an. «Wir wollen jungen Künstlern eine Plattform geben und dafür ein Image schaffen», zeigt sich Walliser zuversichtlich. Er betont, für den bekennenden Theater-Fan Keller, der die ehemalige Kappeler Kirche 2014 erworben hatte, sei das Dömli eine Herzensangelegenheit. «Da steckt viel Idealismus drin.» Der vereinzelte Widerstand gegen die Umnutzung im Ort habe sich derweil gelegt, hält er dankbar fest. 

Bei Fitnesscentern ist Schluss

Die beiden Beispiele sind symptomatisch für die Probleme mit den vermeintlich überzähligen Kirchen. In Rorschach sollen zwar in der katholischen Herz-Jesu-Kirche demnächst Wohnungen entstehen, doch die Abklärungen ziehen sich hin. Als echte Vorzeigeprojekte gelten bisher allein die Offene Kirche Elisabethen in Basel, die aber bezeichnenderweise auch noch als Sakralraum genutzt wird. Dazu gesellt sich die ehemalige Lausanner Kirche Saint-Luc, die erfolgreich als Quartiertreff dient. Hinzurechnen liesse sich die Luzerner Maihofkirche, die ihren Kirchenraum für nichtkirchliche Anlässe geöffnet hat. Bisher gab es landesweit denn auch kaum zwei Dutzend Umnutzungen. 

Auch im Ausland müht man sich eher schlecht als recht ab. In Köln übernahm die jüdische Gemeinde eine Kapelle. In Oberhausen campierten Flüchtlinge im Gotteshaus, und in Mönchengladbach gelang es tatsächlich, Wohnungen einzubauen. In den Niederlanden geht es zwar etwas forscher ans Werk, werden hier doch monatlich zwei Kirchen geschlossen. Doch bei Fitnesscentern, Restaurants und Nachtclubs war selbst für tolerante Holländer die Hemmschwelle erreicht. 

Sturm der Entrüstung programmiert

Anscheinend ist es doch eine emotionale Sache mit der Kirche. Warum sonst kommt niemand auf die Idee, in den neu fusionierten Kirchgemeinden Rebstein-Marbach, Sennwald und Wartau zur Einsparung eine Kirche zu schliessen? Ein Sturm der Entrüstung wäre so sicher wie das Amen in der Kirche. Dies, obwohl im reformierten Verständnis einem Gebäude keine spezielle Heiligkeit zukommt, allein die feiernde Gemeinde macht sie zum Gotteshaus. Doch die reine Lehre greift wohl nicht, wenn es um die Herzen der Menschen geht. 

Dem trägt auch der Schweizerische Kirchenbund SEK Rechnung. Der Kirchenraum sei zwar nicht für sich heilig, heisst es, aber er trage durch Predigt, Gebet und Sakramente die Spuren und Erfahrungen des Gottesdienstes in sich, biographisch wie über die Generationen hinweg. Dadurch werde eine Kirche zum Wahrzeichen der christlichen Botschaft. «Der neue Gebrauch einer Kirche muss diesem Symbolwert entsprechen», heisst es. Im Klartext: Neue Träger sollen die Menschenrechte und die Religionsfreiheit respektieren, ökumenisch offen sein, sich für humanitäre Werte und Respekt einsetzen, Engagement für sozial Schwächere zeigen und auch finanziell transparent sein. Bildung, Kultur und Soziales sind demnach willkommen. Für Nachtclubs wird es schwierig.

 

Text: Reinhold Meier, Journalist BR, Theologe, Wangs | Foto: Kanti Wattwil  – Kirchenbote SG, Oktober 2016

 


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