Die Frau, die 2400 Menschen traute
«Jo, ich denke scho», «Soll ich wirklich Ja sagen?», «Ich weiss nicht», «Jo, vielleicht» – solche Antworten werden an der Trauung nicht akzeptiert. Eine Eheschliessung erfordert eine unmissverständliche Willensäusserung. Ist dies nicht der Fall, muss die Zivilstandsbeamtin oder der Zivilstandsbeamte die Trauung abbrechen.
Wer einen Rückzieher macht, tut dies meist kurz vor dem Termin
Ein echtes Nein hat Stefanie Güpfert, seit 13 Jahren Zivilstandsbeamtin in Rorschach, allerdings noch nie erlebt. «Wer einen Rückzieher macht, tut dies meist kurz vor dem Termin», erklärt sie. Das Ja darf zudem an keinerlei Bedingungen geknüpft sein. Ein scherzhaftes «Ja, wenn sie kocht» ist nach Schweizer Recht unzulässig und führt – genau wie ein undeutliches Ja – zum sofortigen Abbruch der Zeremonie.
Handy-Klingeln statt Jawort
In über 1200 Trauungen hat Stefanie Güpfert schon vieles erlebt: eine Braut, die auf sich warten liess; einen Ehemann, der die Ehe nach dem ersten Wochenende wieder annullieren wollte; oder ein Paar, das den Nachnamen der Braut annahm – was in der Hochzeitsgesellschaft für derart viel Aufruhr sorgte, dass der Bräutigam einige Tage später die Namensänderung beantragte. Auch kuriose Störfaktoren gehörten dazu: Kinder, die während der Trauung unter dem Tisch herumkrochen, oder ein Handy, das exakt beim Jawort klingelte. Aber auch viel Schönes. Zum Beispiel ein Paar, das trotz zwischenzeitlicher Scheidung Jahre später erneut heiratete, oder drei Patenkinder, die während der Trauung seelenruhig auf den Knien des Brautpaares sassen.
Babys und Schnapszahlen
Heiraten ist nach wie vor beliebt. Im Zivilstandskreis Rorschach, der elf Gemeinden und aktuell rund 55 500 Einwohnerinnen und Einwohner umfasst, fanden im vergangenen Jahr 258 Trauungen statt. Dabei entschieden sich 207 Paare für den Nachnamen des Mannes. Was in der Schweiz noch immer gang und gäbe ist, ist jedoch nicht bei allen Nationalitäten rechtlich möglich.
Allein im letzten Jahr traute Stefanie Güpfert 111 Paare. Dieses Jahr erwies sich der Juni als wahrer Hochzeitsmonat: Am Schnapszahldatum, dem 6.6.26, gaben sich in Rorschach zwölf Paare das Jawort. Weiteren Heiratswilligen musste aus Kapazitätsgründen abgesagt werden. Ähnlich begehrt war der 26.6.26. Angesprochen auf den gesellschaftlichen Wandel, stellt die Standesbeamtin fest, dass Paare oft heiraten, wenn Nachwuchs unterwegs ist. Obwohl die Vaterschaftsanerkennung mittlerweile vereinfacht wurde, ist der Weg über die Ehe für viele naheliegender: «Vor allem für Paare, die schon lange gemeinsam durchs Leben gehen, ist ein Baby oft der Auslöser.» Gleichzeitig sei der Anteil jener Paare, die nach der Ziviltrauung noch kirchlich heiraten, spürbar zurückgegangen.
Der Glaube ist eine wichtige Stütze im Leben und in einer Beziehung.
Für Stefanie Güpfert sind Trauungen auch nach über einem Jahrzehnt Erfahrung noch immer etwas ganz Besonderes. Deshalb legt sie vor jeder Zeremonie ihre gewöhnliche Arbeitskleidung ab und tauscht sie gegen eine festliche Garderobe – was im Übrigen auch fast ausnahmslos für die Brautpaare gelte. Mit viel Einfühlungsvermögen gestaltet die Zivilstandsbeamtin die Feier, wählt passend schöne Worte und meist auch ein Gedicht.
Gesetz verbietet religiöse Zitate
Religiöse Zitate darf sie von Gesetzes wegen nicht in ihre Rede einfliessen lassen. Möchte jedoch jemand aus der Hochzeitsgesellschaft einen solchen Text vortragen, räumt sie dem gerne Platz ein. Ihr persönlich ist der Glaube sehr wichtig: Sie dankt vor jedem Mittagessen, betet mit den Grosskindern und wünscht den Brautpaaren im Stillen stets Gottes Segen. Schliesslich ist Stefanie Güpfert überzeugt: «Der Glaube ist eine wichtige Stütze im Leben und in einer Beziehung.»
Die Frau, die 2400 Menschen traute