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Ein alter Zopf?

Pro und Kontra: Ist heiraten noch zeitgemäss?

von red
min
03.07.2026
Früher war heiraten die soziale Norm. Man musste, ob man wollte oder nicht. Soll man sich heute noch das Jawort geben? «Klar», sagt Pfarrer Tim Mahle. «Unnötig», entgegnet «Kirchenbote»-Redaktor Stefan Degen.

Tradition und individuelle Mitgestaltung


Tim Mahle, Pfarrer in Straubenzell–St. Gallen West

«Willst du mich heiraten?» Kaum ein Satz ist so bedeutungsvoll und so kontrovers zugleich. Für die einen ein Relikt vergangener Zeiten, für die anderen ein bewusster Ausdruck von Liebe und Verbindlichkeit.

Ich persönlich zähle mich klar zum Team «Heiraten». Für mich ist die Ehe ein öffentliches und bewusstes Ja zueinander: rechtlich, emotional und bei einer kirchlichen Trauung auch vor Gott. In einer Zeit, in der vieles unsicher, unverbindlich und schnelllebig wird, empfinde ich dieses Versprechen als starkes Zeichen von Verlässlichkeit und gegenseitigem Vertrauen.

Das Ja zueinander ist ein starkes Zeichen von Verlässlichkeit und gegenseitigem Vertrauen.

Natürlich bringt die Ehe auch praktische Vorteile mit sich – etwa rechtliche Absicherung und organisatorische Erleichterungen im Alltag. Auch gemeinsame Kinder sind dadurch besser abgesichert.

Besonders wichtig ist mir aber die symbolische und spirituelle Bedeutung. Eine Hochzeit ist ein Ritual des Übergangs: Familie und Freunde feiern mit und stärken das Paar für den gemeinsamen Weg. Im kirchlichen Gottesdienst wird für mich sichtbar, dass die Ehe nicht nur ein Bund zwischen zwei Menschen ist, sondern auch unter Gottes Segen steht. Die Ringe und das Versprechen werden zu Zeichen der inneren und äusseren Verbundenheit. Gerade deshalb empfinde ich das Heiraten als zeitlos: Es verbindet Tradition mit der Möglichkeit der individuellen Mitgestaltung und schenkt in einer Welt voller Veränderungen Sicherheit und Zusammengehörigkeit.

«Willst du mich heiraten?» Das Ritual der Hochzeit – vor dem Standesamt und vor Gott – würde ich (mit meiner Frau) jederzeit wieder bewusst und mit Überzeugung wählen.

Dank Sozialstaat nicht mehr nötig


Stefan Degen, «Kirchenbote»-Redaktor.

Vorneweg: Ich bin inkonsequent. Ich spreche mich hier öffentlich gegen das Heiraten aus, habe aber vor einigen Jahren selbst das Jawort gegeben. Manchmal sind meine Frau und ich glücklich verheiratet. Und manchmal auch unglücklich. Wir halten zusammen.

Und ja: Ich habe – neben all dem überflüssigen Brimborium – auch gute Erinnerungen an unsere Hochzeit. Nach der Trauung etwa leitete der Organist in feinen, klaren Tönen zum Kirchenlied «Gott ist gegenwärtig» über. Wenn diese Töne erklingen, erinnert mich das bis heute daran, dass Gott auch in unserer Ehe gegenwärtig ist.

Ich lehne es ab, den Ehebund religiös aufzuladen und als heilig darzustellen.

Aber hier kommt ein Aber: «Die Ehe ist ein weltlich Ding», schrieb Martin Luther. Die Reformatoren haben das Sakrament der Ehe abgeschafft. Auch ich lehne es ab, den Ehebund religiös aufzuladen und als heilig darzustellen, wie dies in der katholischen Kirche und in manchen Freikirchen geschieht. Als Paar einen Segen zu empfangen – schön. Ein heiliger, von Gott gewollter Bund ist die Ehe dadurch aber nicht. Wer die Latte derart hoch legt, riskiert, tief zu fallen. Allzu oft wurde aus dem heiligen ein unheiliger Bund, in dem der Mann seine Frau schlug und bedrohte. Auch heute noch.

Bleibt also das «weltlich Ding», die Ziviltrauung. Die Ehe war über Jahrhunderte – übrigens auch in der Bibel – vorwiegend ein Zweckbündnis zur sozialen Absicherung. Vor allem der Frau. Dank modernem Sozialstaat und Gleichstellungsrecht ist das nicht mehr nötig (oder sollte es zumindest nicht mehr sein). Ergo kann man auch ganz aufs Heiraten verzichten. Dass man liebevoll füreinander sorgt und durch dick und dünn zueinanderhält, schliesst das ja nicht aus.

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