News aus dem Kanton St. Gallen
Kommentar zur Synode

Es fehlt an Streitkultur

von Stefan Degen
min
29.06.2026
Zwei Kirchenräte, die beinahe die Wiederwahl verpassen, obwohl sich kein Gegenkandidat finden lässt. Ein Sprengkandidat, der keiner sein will. Und eine Synode, die die Öffentlichkeit vor die Tür stellt. Der St. Galler Kirche fehlt es an Streitkultur. Ein Kommentar von Stefan Degen.

Nicht nur die schwülwarme Hitze, auch das Misstrauen war mit Händen zu greifen an der Sommersynode, der Parlamentssitzung der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen (hier geht es zum Synodenbericht).

Nachvollziehbar ist die Kritik der Synode, der Kirchenrat sei überaltert. 15 Jahre im Schnitt sind die amtierenden Kirchenräte im Amt und durchschnittlich 64 Jahre alt. Rechnet man das jüngste Mitglied Sven Hopisch raus, dessen Wiederwahl unbestritten war, so ist das Bild noch deutlicher. Bei allem Respekt dafür, was die Kirchenräte im Amt bisher geleistet haben: Dass dem Gremium frischer Wind guttun würde, leuchtet ein.

Fadenscheinige Begründungen

Weniger einleuchtend sind hingegen die Begründungen der drei Kirchenratsmitglieder, die nochmals antraten, aber in ein bis zwei Jahren zurücktreten wollen. Wegen laufender Prozesse sei ein Rücktritt im Moment gerade ungünstig, äusserten sie gegenüber dem «Kirchenboten». Das ist fadenscheinig. Denn irgendein Prozess läuft immer, gerade nach so langer Amtsdauer. Und bei manchen Prozessen würde es sich doch gerade anbieten, die Nachfolgerin rechtzeitig einzubeziehen, statt sie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Fadenscheinig ist auch die Begründung der Kirchenräte, sie wollten gestaffelt zurücktreten. Mit Verlaub: Nichts hätte sie daran gehindert, mit dieser Staffelung schon früher zu beginnen, wenn ihnen denn daran gelegen wäre.

Dass manche Kirchenräte ihr Amt nicht früher zur Verfügung stellten, ist bedauerlich. Denn valable Kandidaten wären wohl bereitgestanden, wie man erfährt, wenn man sich unter Synodalen umhört. Doch die Interessierten wollten sich nicht als Sprengkandidaten verheizen lassen. Dass Fabian Kuhn in letzter Minute in die Bresche sprang, ist mutig und löblich. Es zeugt aber auch von der Überforderung der Synode.

Synode sollte Fraktionen bilden

Denn auch die Synode steht in der Pflicht: Sie muss ihre Funktion wahrnehmen und aktiv Kirchenpolitik betreiben. Eine Beratung unter Ausschluss der Öffentlichkeit wirkt da als etwas hilfloser Versuch, nachzuholen, was vorher versäumt wurde. Nichts hätte die Synodalen daran gehindert, sich frühzeitig zu Gruppen oder Fraktionen zusammenzuschliessen und Kandidaturen aufzubauen. Statt zu warten, bis die Kirchenräte zurücktreten. Mit einer Fraktion im Rücken wäre vermutlich auch der eine oder die andere Kandidierende bereit gewesen, gegen amtierende Kirchenräte anzutreten. Das hätte das Risiko reduziert, als Sprengkandidat verheizt zu werden.

Mehr Wettbewerb und mehr konstruktive Kritik

Letztlich fehlt es der Kirche an Streitkultur. Denn wenn mehrere Köpfe sich für ein Amt bewerben und sich einer Kampfwahl stellen, ist das gut für die Kirche. Es ermöglich den Synodalen eine echte Auswahl – und je nach Profil auch eine Richtungswahl. Und es ermöglicht einen Wettbewerb von Köpfen und Ideen.

Ebenso ist es wichtig, dass die Synode dem Kirchenrat genau auf die Finger schaut, statt aus Goodwill oder Unwissen alles durchzuwinken. Eine Synode, die konstruktiv-kritisch ihre Kontrollfunktion wahrnimmt, dient der Kirche. So, wie dies der frisch gewählte Synodale Roman Rutz aus Wil tat. Er studierte die Rechnung detailliert und wies den Kirchenrat in mehreren Voten auf Unstimmigkeiten hin. Solche Kritik fördert letztlich die Glaubwürdigkeit der Kirche.

Unsere Empfehlungen

Ausgangslage vor Kirchenratswahl

Ausgangslage vor Kirchenratswahl

Sechs treten wieder an, zwei davon wollen in ein bis zwei Jahren zurücktreten und einer vielleicht doch etwas länger bleiben. Für den vakanten Sitz ist bisher eine Kandidatur bekannt.