News aus dem Kanton St. Gallen

Synode: Beinahe-Eklat und eine historische Wahl

von Stefan Degen
min
29.06.2026
Die Synode der St. Galler Kirche wählte den Kirchenrat. Dabei kam es zu einer geheimen Beratung und beinahe zur grossen Überraschung. Zudem kritisierten Synodale die Amtsführung des Kirchenrates.

Am 29. Juni tagte die Synode, das Parlament der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen. Wichtigstes Traktandum: die Wahl des Kirchenrates für eine neue Amtsdauer von vier Jahren. Sechs Mitglieder des Kirchenrates traten wieder an, darunter Kirchenratspräsident Martin Schmidt. Als Ersatz für die nicht mehr antretende Kirchenrätin Antje Ziegler stellte sich Christina Hegelbach* (Tablat-St. Gallen) zur Wahl.

Überaltertes Gremium

Mehrer Synodale kritisierten die Überalterung des Gremiums: Die amtierenden Kirchenräte waren im Schnitt bereits 15 Jahre im Amt und 64 Jahre alt. Trix Gretler (Mittleres Toggenburg) fragte: «Ist dieses Gremium richtig zusammengesetzt, um unsere Kirche in die Zukunft zu führen? Können wir so wieder jene innovative St. Galler Kirche werden, die wir einmal waren?» Die Kirchenräte Urs Noser, Annina Policante und Heinz Fäh stellten denn auch in Aussicht, innerhalb der nächsten rund zwei Jahre zurückzutreten.

Geheime Diskussion

Das reichte vielen Synodalen nicht. Ihr Problem: Es fand sich niemand, der amtierende Kirchenräte in einer Kampfwahl herauszufordern bereit war. «Wir haben Kandidierende gefunden, valable Kandidaten», sagte Käthi Witschi, Präsidentin der Vorsynode Rheintal, «aber keine Sprengkandidaten.» Schliesslich stellte Rita Dätwyler (Straubenzell St. Gallen West) den Antrag auf eine geheime Diskussion unter Ausschluss der Öffentlichkeit und des Kirchenrates.

Die geheime Diskussion – oder das anschliessende Mittagessen – fruchtete: Fabian Kuhn (Unteres Toggenburg) erklärte sich bereit, eine allfällige Wahl anzunehmen. Der langjährige Synodale ist Präsident des Pfarrkapitels Toggenburg. Er strebe das Amt eigentlich nicht an und wolle auch nicht gegen Amtierende antreten, sagte er. «Aber man kann nicht immer nur davon reden, dass es neue Stimmen braucht, und dann ducken sich alle weg.»

Drei Stimmen Unterschied

Die Wahl war dann äusserst knapp: Fabian Kuhn kam auf 77 Stimmen. Er hatte nur drei Stimmen Rückstand auf Heiner Graf (80 Stimmen) und acht Stimmen auf Heinz Fäh (85 Stimmen). Urs Noser (103 Stimmen) und Annina Policante (127 Stimmen) schafften die Wiederwahl klarer. Das Spitzenresultat erzielte die neu antretende Christina Hegelbach mit 147 Stimmen, gefolgt von Sven Hopisch mit 145 Stimmen. Die 51-jährige ist Geschäftsführerin der Kirchgemeinde Tablat-St. Gallen.

Kirchenratspräsident Martin Schmidt schaffte die Wiederwahl problemlos, wenn auch nicht ganz ohne Nebengeräusche. Er erzielte 102 Stimmen. 17 Stimmen entfielen auf Sven Hopisch – der gar nicht als Präsident kandidierte – und 22 auf Vereinzelte. Diese und die Stimmen für Hopisch sind wohl als Proteststimmen zu verstehen.

Kritik an Kirchenrat wegen Verfassungsrevision …

Dass die Erneuerungswahl des Kirchenrates keine reine Formsache werden würde, zeichnete sich schon am Morgen ab. Auf Antrag von Käthi Witschi (Diepoldsau) zog die Synode das Traktandum über die Revision der Kirchenverfassung vor. Der Hintergedanke: Die Synodalen sollten sich ein Bild über die Arbeitsweise des Kirchenrates machen, bevor sie ihn für eine weitere Amtsdauer wählten.

Im Vorfeld der Synode war nämlich bekannt geworden, dass der Projektkoordinator der Verfassungsrevision, Roland Plattner, sein Amt aufgeben wollte und das Projekt zeitlich in Verzug war (der «Kirchenbote» berichtete). Zudem monierten Synodale die Bestellung der Teilprojektgruppen, die die Verfassungsrevision inhaltlich aufgleisen sollten. Sie seien intransparent zusammengesetzt worden. «Es gab Interessierte, die nie angefragt wurden», beanstandete Gisela Bertoldo (St. Gallen C). Nie sei ein Aufruf per E-Mail an alle Synodalen verschickt worden, sich bei Interesse zu melden. «Die Teilprojektleitenden wurden bestimmt, diese suchten dann in ihrem Umfeld.»

… und wegen Rechnungsführung

Weitere Kritik musste der Kirchenrat bei der Genehmigung der Jahresrechnung 2025 einstecken. In mehreren Voten kritisierte Roman Rutz (Wil) detailliert die Rechnungsführung. So warf er dem Kirchenrat vor, ohne entsprechende gesetzliche Grundlage Finanzausgleichsgelder für Kanzleiaufgaben zu verwenden. Und er beanstandete Budgetüberschreitungen, die der Kirchenrat nicht wie vom Reglement vorgesehen per Nachtragskredit beantragt habe. Der Kirchenrat halte sich nicht an geltende Regeln, warf er ihm vor.

«Keiner der Kirchenräte steht am Morgen auf und sagt: heute mach ich eine Budgetüberschreitung», entgegnete der zuständige Kirchenrat Heiner Graf. «Wir haben das Rechnungswesen eines KMU, nicht das einer öffentlich-rechtlichen Institution.» Wenn die Synode dies wolle, müsse sie das System ändern. Diese Begründung habe ihn schockiert, konterte Daniel Lätsch (Rapperswil-Jona) spitz. «Es kann nicht sein, dass man die Kirchenordnung nicht umsetzt und sagt, dann müsse man das System ändern. Du musst das System ändern», schob er an die Adresse von Heiner Graf nach, «und zwar jetzt.»

Jüngste Synodenpräsidentin aller Zeiten

Neben all dieser Kritik kam es an der Synode zu einer historischen Wahl. Die Synodalen wählten die 23-jährige Studentin Julia Roelli (Diepoldsau) zur Synodenpräsidentin. Sie ist damit oberste St. Galler Reformierte und tritt die Nachfolge von Ueli Schläpfer (Rapperswil-Jona) an. Roelli ist die damit die jüngste Synodenpräsidentin aller Zeiten.

Weiter wählte die Synode Jens Weissweiler (Straubenzell St. Gallen West) als neuen Präsidenten der Geschäftsprüfungskommission und Thomas Moser als neuen Präsidenten der Kirchenbote-Kommission*. Diese Wahlen waren unbestritten, ebenso wie diverse weitere Ämter, die neu bestellt wurden.

«Der Kirche fehlt es an Streitkultur» – hier geht es zum Kommentar zur Synode.

*Transparenzhinweis: Christina Hegelbach war bis zu ihrer Wahl Präsidentin der Kirchenbote-Kommission, die im Auftrag der Synode den Kirchenboten herausgibt. Dieses Amt übernimmt nun Thomas Moser.

Unsere Empfehlungen

Ausgangslage vor Kirchenratswahl

Ausgangslage vor Kirchenratswahl

Sechs treten wieder an, zwei davon wollen in ein bis zwei Jahren zurücktreten und einer vielleicht doch etwas länger bleiben. Für den vakanten Sitz ist bisher eine Kandidatur bekannt.