News aus dem Kanton St. Gallen

Fünf Tage nichts als die nackte Wahrheit

von Sam de Keijzer
min
23.05.2024
Etwa 25 Mal am Tag lügt man, haben Studien ergeben. «Ich aber lüge eigentlich nie», dachte sich Sam de Keijzer und startete ein Selbstexperiment: Fünf Tage ohne Lüge. Hier ist ihr Protokoll der Wahrheit.

«Ich, Sam de Keijzer, 23 Jahre jung, Jugendarbeiterin und Sozialpädagogin in Ausbildung, bin der vollkommenen Überzeugung, dass mir das Experiment keine Probleme bereitet, da ich ja sowieso nie lüge. So sage ich kurzerhand zu, als ich vom ‹Kirchenboten› angefragt werde. Doch schon die Frage, wann ich mit dem Experiment starten soll, zeigt, dass es heikel werden könnte: Soll ich eine freie Woche nutzen, in der ich allein daheim lerne? Das wäre zu einfach. Wie wäre es mit dem Konflager, das ich mitleite? Fünf Tage ununterbrochen mit Jugendlichen, ohne zu lügen und zu flunkern? Das ist mir dann doch zu riskant. So wähle ich den Mittelweg: eine durchschnittliche Woche mit Studium, Arbeit und Freizeit.

Tag 1: Der Small Talk

Heute ist Studientag. Ehrlicherweise mache ich mir nicht viele Gedanken, als ich das Gebäude der Agogis betrete. Doch mit dem Eintrudeln der Mitstudierenden folgt die erste Herausforderung: Small Talk. ‹Wie geht’s?›, ‹Was hast du so gemacht?›, ‹Wie läuft die Arbeit?› Das Übliche eben. Ein knappes, gelogenes ‹Gut› wäre als Antwort am einfachsten. Ich aber muss nun ausholen, nach Formulierungen suchen. Mein Vorteil: In einer Studienklasse von angehenden Sozialpädagoginnen und -pädagogen fällt es nicht schwer, die eigene Befindlichkeit zu beschreiben, ohne das Gegenüber zu irritieren.

Tag 2: Das Feierabendbier

Stolz, den ersten Tag so erfolgreich hinter mich gebracht zu haben, freue ich mich schon auf den Tag im Heimbüro. Ich mache keinen Hehl daraus: Viel Kontakt habe ich heute nicht. Und wo kein Kontakt ist, da ist kein Platz für Lüge. Erst, als abends dann eine Freundin sich meldet, ob ein Feierabendbier was wäre, komme ich kurz ins Wanken. Dankend lehne ich ab. Begründung: Mein heutiger Energiehaushalt ist aufgebraucht. Das war weder gelogen noch unhöflich oder verletzend. Wieder ein Tag erledigt. Läuft doch super!

Tag 3: Das eine Wort zu viel

Das kann ja heiter werden! Heute bin ich am Arbeiten, als Jugendarbeiterin der Kirchgemeinde Berneck-Au-Heerbrugg. Wie sage ich denn nun, dass ich für dieses Alltagsgespräch zwischen Tür und Angel eigentlich keine Zeit habe? Oder dass ich lieber an meinem eigenen Projekt arbeiten würde, anstatt Zeit zu vertrödeln und um den heissen Brei herumzureden? Da kommt für einen kurzen Moment der Wunsch auf, das Experiment abzubrechen … Dann besinne ich mich auf die Ehrlichkeit, meinen Freund und Helfer, und darauf, was ich in meiner Sozi-Ausbildung gelern habe: Ich-Botschaften. ‹Wenn ich ehrlich bin, würde ich gerne weiterarbeiten, denn ich habe leider nicht so viel Zeit in petto.› Wobei ich mit diesem ‹leider› haarscharf an der Lüge vorbeischramme …

Tag 4: Der nervige Spendensammler 

Wer kennt sie nicht: die Spendensammler von Vier Pfoten, Helvetas und wie sie alle heissen. Sie lauern am Bahnhof Passanten auf, verwickeln sie in ein Gespräch und versuchen, sie als Spender für ihre sicherlich gute Sache zu gewinnen. Zack! Genau so einem Spendensammler laufe ich in die Arme. Mit welcher Ausrede speise ich ihn ab? Nein, ich lüge nicht, sondern teile ihm ehrlich mit, dass mein Budget während der Ausbildung leider leider keine Spenden zulässt, und wenn ich noch so gerne etwas geben würde. Ob er mir das glaubt? Vermutlich hört er Ähnliches ständig. Doch ob er es anzweifelt, ändert nichts daran, dass es die Wahrheit ist.

Tag 5: Den Partner anschwindeln?

‹Gut geschlafen?›, fragt der Partner. ‹Hat es geschmeckt?›, erkundigt sich die Familie. «‹Willst du vorbeikommen?›, fragen die Freunde. Im Alltag werden mir viele Fragen gestellt. Ich merke, wie viel Zeit zum Nachdenken ich brauche, um sie ehrlich zu beantworten und andere nicht mit Floskeln abzuspeisen.

Fazit: Wer geliebt wird, lĂĽgt nicht

Geholfen hat mir, dass ich mich in meinem gewohnten Umfeld bewegte. Andernfalls wäre das Experiment wohl ganz anders verlaufen. Dass ich mit Menschen zusammen bin, mit denen ich mich sicher fühle, bei denen ich keine Angst haben muss, wegen meiner Aussagen verurteilt zu werden, erleichtert es mir unglaublich. Geholfen hat mir auch meine soziale Ausbildung, die mich gelehrt hat, bewusst zu kommunizieren. Und schliesslich die Gewissheit, dass ich mit all meinen Gefühlen und Gedanken in Ordnung bin und dazu stehen kann. Denn wir werden geliebt, so wie wir sind.»

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