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Glockengeschichten

«O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort»

von Esther Simon
min
12.02.2023
Eine passendere Inschrift als der Vers aus Jeremia 22,29 könnte die grösste Glocke der evangelischen Kirche in Weinfelden kaum zieren. Seit 1903 ruft die Glocke ins Land hinaus: zu kirchlichen und weltlichen Anlässen.

Was für ein Spektakel am 28. Juli 1903 in Weinfelden! Die Glockengiesserei Rüetschi in Aarau hatte fünf neue Glocken gegossen und diese konnten nun in den Turm der soeben erbauten evangelischen Kirche hochgezogen werden. Das geschah durch eine kreisrunde Öffnung im mittleren Gewölbe des Gotteshauses.

Das Thurgauer Tagblatt schrieb: «Emporen und Schiffe der mächtigen Kirche waren gedrängt voll, ehe zum Zuge alle Rollen und Hebel und Seile eingespannt waren. In der Glockenstube droben waren Schlosser und Schmiede beschäftigt, den Ankömmlingen den Platz frei zu machen und unten drückte und drängte alles kunterbunt durch- und neben- und übereinander. Von den Glocken weg, die auf dem Boden des Kirchenschiffs ruhten, führten zwei mächtige Taue die Kirchentreppe hinunter bis zum Rathaus. An diesem Strange hielten sich, nein, zogen die Schulkinder […] ja selbst alte Knochen haben sich am Seil gehalten, nur dass sie auch dabei gewesen […]». Ein Essen mit Wurst, Brot und Most in der Festhütte beschloss den fröhlichen Akt, der sich bis in den Abend ausgedehnt hatte.

O Land, Land, Land, Höre des Herrn Wort.

Zwei neue Kirchen gebaut

Der 28. Juli 1903 war zu Recht ein Freudentag. Diesem Datum vorausgegangen waren komplizierte, aber meistens friedlich verlaufene Verhandlungen mit den Weinfelder Katholiken. Bauliche Mängel an der alten Grubenmannkirche, die beide Konfessionen bisher als paritätisches Gotteshaus benutzt hatten, veranlassten sowohl Katholiken als auch Protestanten, je eine neue, eigene Kirche zu bauen. Auch die Protokolle dieser langwierigen Verhandlungen hütet der Archivar der Bürgergemeinde Weinfelden, Franz Xaver Isenring, wie seinen Augapfel im Bürgerarchiv.

Harmonischer Klang

Evangelisch-Weinfelden entschied sich für ein dominantes As-Dur-Geläut, nachdem die Kirchenvorsteherschaft verschiedene Geläut in der Schweiz angehört hatte. «Als ausserordentlich kraftvoll und ergreifend» bezeichnet der Glockenexperte Hans Jürg Gnehm aus Affeltrangen das Geläut der evangelischen Kirche in Weinfelden. 1932 verbesserte die Katholische Kirchgemeinde Weinfelden ihr Geläut durch eine grosse B-Glocke, so dass seither das gemeinsame Geläut der Weinfelder Kirchen als sehr harmonisch empfunden wird.

«O Land, Land, Land, Höre des Herrn Wort» lautet die Inschrift auf der mit 4875 Kilogramm grössten Glocke, «Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht» liest man auf der kleinsten Glocke. Weitere Inschriften auf den Glocken sind: «Gib uns heute unser täglich Brot», «Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat», und «Friede sei mit Euch».

VerkĂĽnden und aufrufen
Die Glocken läuteten erstmals am 1. August 1903. Die Weisung des Bundes, am 1. August abends schweizweit die Glocken zu läuten, bestand erst seit 1899. Nicht immer läuten Glocken aus kirchlichem Anlass. Oft ist es der Bund oder eine andere weltliche Organisation, die zum Glockenläuten aufruft. Ältere Menschen erinnern sich, dass am 8. Mai 1945 Glocken das Ende des Zweiten Weltkrieges verkündeten. Ebenfalls auf Anordnung der Behörden läuteten am 12. April 1960 landesweit die Glocken aus Anlass der Beerdigung von General Guisan in Lausanne.

Und am 30. April 1964 um 10 Uhr erklang fast in der ganzen Schweiz Glockengeläut zur Eröffnung der Landesausstellung in Lausanne. Fast in der ganzen Schweiz, denn: In einigen Basler und Baselbieter Gemeinden blieben die Glocken stumm. Man wollte sich von den weltlichen Behörden nicht dreinreden lassen!

Am 8. Mai 1995 gedachte die Schweiz mit Glockengeläut des Endes des Zweiten Weltkrieges vor 50 Jahren, im September 2001 erklangen die Glocken aus Anlass des Attentats in Zug. Am 5. März 2021 läuteten die Glocken im ganzen Land für die damals 9300 Menschen, die bisher in der Corona-Pandemie verstorben waren. Der Aufruf zum schweizweiten Gedenken kam vom damaligen Bundespräsidenten Guy Parmelin. Und am 9. März 2022 läuteten die Glocken schweizweit gegen den Krieg in der Ukraine. In Weinfelden ist es eine Glocke der evangelischen Kirche, in Frauenfeld eine Glocke der katholischen Kirche, die jeweils den Sitzungsbeginn des Kantonsparlamentes einläutet.

Läuten nur teils geregelt

Im Kanton Thurgau können evangelische Kirchgemeinden ihre Läuteordnungen selbst verfassen. Die einzelnen Kirchgemeinden entscheiden also darüber, zu welcher Zeit welche Glocken morgens, mittags und abends läuten. Leitfaden ist die Kirchenordnung der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau. Sie räumt den Kirchgemeinden bei der Abfassung ihrer Läuteordnungen eine grosse Freiheit ein, womit die Kirchgemeinden auf Traditionen Rücksicht nehmen können.

Aus ausserordentlichem Anlass kann die Kirchenvorsteherschaft für die Kirchen im Gebiet der Kirchgemeinde das Läuten der Glocken anordnen, dasselbe gilt für den Kirchenrat im Gebiet der Landeskirche.

Der Weinfelder Bürgerarchivar Franz Xaver Isenring mit Dokumenten über die Kirche und die Glocken. (Bild: Esther Simon)

Der Weinfelder Bürgerarchivar Franz Xaver Isenring mit Dokumenten über die Kirche und die Glocken. (Bild: Esther Simon)

 

Bewusst geschwiegen

Manchmal schweigen die Glocken auch. Der Weinfelder Lokalhistoriker Hermann Lei (1910 bis 2006) schrieb in seinem Buch über die Evangelische Kirchgemeinde Weinfelden: 1798 hätten eigentlich die Glocken zur Hochzeit von Hans Melchior Bornhauser läuten sollen. Aber man verzichtete darauf, «weil am selben Tag zu Weinfelden die Unabhängigkeit des Thurgaus ausgerufen wurde und durch das Glockengeläut die Aufregung im Flecken noch grösser geworden wäre». 1916 fiel der fünf Zentner schwere Schwengel der grossen Glocke vom Kirchturm der evangelischen Kirche, allerdings ohne Schaden anzurichten.

Hermann Lei in seinem Buch über Evangelisch-Weinfelden: «Wenn der Schwengel eine menschliche Seele gehabt hätte, könnte man sagen: Aus Protest fiel er nieder, denn die Gemeinde hatte beschlossen, in Zukunft bei Beerdigungen nur noch mit vier Glocken zu läuten: Das Läuten mit allen fünf Glocken käme zu teuer. Es war eben an Wochentagen schwierig, die nötige Läutmannschaft zusammenzubringen. Der elektrische Läutbetrieb konnte erst 1948 aufgenommen werden.» Was sagt das den Kirchgemeinden? Sorge tragen zu den Glocken und Aufpassen beim Abfassen einer Läuteordnung.

 

Auslegung: «O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort»

Die Inschrift «O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort» auf der grössten Glocke im Kirchturm der evangelischen Kirche Weinfelden stammt aus Jeremia 22,29. Diese mahnenden Worte des Propheten gehören gemäss dem Glockenexperten Hans Jürg Gnehm aus Affeltrangen zu den am häufigsten verwendeten Inschriften auf Glocken in evangelischen Kirchen. Nach evangelischer Tradition weisen die Glocken auf den Predigtgang und das Hören des Wortes Gottes hin. Die Botschaft in Jeremia 22 ist ewig gültig: «Schafft Recht und Gerechtigkeit …und bedrängt nicht die Fremdlinge […] und tut niemand Gewalt an […]».

 

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