News aus dem Kanton St. Gallen

«Plötzlich sieht man den Partner als Feind»

von Stefan Degen
min
01.07.2026
Immer weniger Menschen heiraten. Die Nachfrage nach Paarberatung aber nimmt zu. Paarberaterin Yvonne Menzi weiss, weshalb Paare streiten, wie sie wieder aufeinander zugehen und warum eine Trennung schmerzhaft ist. Und für frisch Verliebte hält sie einen besonderen Tipp bereit.

Frau Menzi, seit 13 Jahren beraten Sie Paare. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Yvonne Menzi: Die Warteliste ist länger geworden. Seit Corona haben die Anfragen enorm zugenommen. Und die sozialen Medien haben unser Leben verändert: wie wir Menschen kennenlernen, wie sich Affären anbahnen. Aber auch im Alltag nehmen die sozialen Medien wahnsinnig viel Aufmerksamkeit in Anspruch. Das Handy kann vom Partner als Konkurrenz wahrgenommen werden im Kampf um Aufmerksamkeit.

Dann melden sich die Paare bei Ihnen. 

Meistens ist der Leidensdruck schon gross, wenn sie zu uns kommen: Sie drehen sich im Kreis, sind immer in derselben Diskussion gefangen. Die Streitereien werden heftiger.

Geniesst die wunderbaren Gefühle, auf Wolke sieben zu schweben. Die rosa Brille lässt einen das Kostbare am Partner sehen.

WorĂĽber streiten sie?

Oberflächlich betrachtet, über Kleinigkeiten: Die Schuhe sind am falschen Ort, die Wäsche nicht eingeräumt, jemand ist zwei Minuten zu spät. Nichts Gravierendes. Aber dahinter stecken eingespielte Muster. «Du lässt mich immer sitzen und bist nie pünktlich», denkt sich der Wartende. In kleinen Dingen enttäuscht zu werden führt zu Kränkung.

Eigentlich geht es also nicht um herumliegende Schuhe, sondern um Wertschätzung.

Genau. Und plötzlich sieht man den Partner als Feind. «Der hat das doch extra gemacht!», denkt man, oder: «Ich bin ihm nicht wichtig.»

Der Partner als Feind: Wie gehen sie damit um in der Beratung?

Ich lasse die Paare von ihrem Streit erzählen. Irgendwann kommen sie an den Punkt, wo sie ihn emotional nochmals durchleben. Die Gefühle kommen hoch: Ärger, Wut, Enttäuschung. In diesen Momenten verlangsame ich den Streit und schaue mit den Paaren genau, worum es eigentlich geht.

Und worum geht es?

Oft steckt dahinter die eigene Verletztheit. Wenn der Partner oder die Partnerin sich verletzlich zeigt und davon erzählt, schauen sie plötzlich nicht mehr mich an, sondern sich gegenseitig. Da passiert etwas: Man öffnet sich und sieht sich nicht mehr als Feind, sondern als Team.

Das gelingt wohl nicht immer. Wo stossen Sie in der Beratung an Grenzen?

Sie ist sprachlastig. Bei Bedarf ziehen wir Ăśbersetzer bei. Aber wenn jemand sich innerlich zurĂĽckzieht und verstummt, wird es schwierig.

Wie ist es mit WutausbrĂĽchen?

Es kann schon mal laut werden hier. Es ist ein geschützter Rahmen. Manchmal läuft der Partner oder die Partnerin raus, schletzt die Tür zu und kommt einige Minuten später wieder zurück – oder auch nicht.

Eheschliessungen gehen zurück, Scheidungen stagnieren

Während vor 60 Jahren in der Schweiz noch fast alle bis zum 50. Altersjahr heirateten, tun dies heute nur noch die Hälfte. Die Scheidungsrate liegt seit 15 Jahren beinahe unverändert bei 40 Prozent.

 

Die Grafik gibt an, wie hoch der Anteil an Frauen (dunkelgrün) und Männern (hellgrün) ist, die bis zum 50. Altersjahr mindestens einmal heiraten (zusammengefasste Erstheiratsziffer). Die rote Linie bezeichnet den Prozentsatz der Ehen, die geschieden werden (zusammengefasste Scheidungsziffer). Der Ausschlag im Jahr 2000 ist auf das neu eingeführte Scheidungsrecht zurückzuführen. Quelle: Bundesamt für Statistik

 

Wie trennt man sich auf eine gute Art?

Eine Trennung ist per se ein grosser Einschnitt. Sie ist schmerzhaft. Nach meiner Erfahrung geht der Trennungswunsch zunächst nur von einer Person aus, die andere will es nochmals versuchen. Das ist keine harmonische Situation. Später kann sich das ändern, dass beide die Trennung befürworten und im Guten auseinandergehen.

Wie gehen Kinder damit um, wenn sich ihre Eltern trennen?

Das ist schwierig für sie. Denn die Trennung absorbiert so viel Energie und Aufmerksamkeit, dass für die Kinder kaum etwas übrig bleibt. Zumindest in der heissen Phase. Wichtig ist zudem: Als Eltern hat man eine Doppelrolle. Man ist ein Paar – und man ist gemeinsam Eltern. Als Paar kann man sich trennen. Eltern bleibt man ein Leben lang.

Welcher Typ Mensch wendet sich an die Paarberatungsstelle?

Das sind Menschen quer durch alle Schichten: vom Strassenbauer ĂĽber das Bauernpaar bis zur Akademikerin. Was man sagen kann: Das typische Paar kommt hier aus der Region. Und es ist heterosexuell.

Woran liegt das? 

Darüber kann ich nur mutmassen. Auch von Menschen mit alternativen Beziehungsformen haben wir wenig Anfragen. Vielleicht hat es mit der eher konservativen Umgebung im Rheintal zu tun, vielleicht haben manche Menschen Hemmungen wegen der kirchlichen Trägerschaft und suchen andere Beratungsangebote auf. Unsere Beratungsstelle steht natürlich allen Ratsuchenden offen.

Es gibt viele jüngere Männer zwischen 20 und 30 Jahren, die sich melden, auch für Einzelberatungen. Für sie ist es normal, sich Hilfe zu holen.

In welcher Lebensphase wenden sich die Paare an die Beratungsstelle?

Am häufigsten zwischen dem 31. und 40. Lebensjahr. Vielleicht ist das erste Kind zur Welt gekommen. Das ist schön, aber auch ein riesiger Stress. Es gibt schlaflose Nächte, man hat kaum Zeit füreinander, nur noch für das Kind. Vielleicht steht dann noch eine Weiterbildung oder ein Karriereschritt an, oder den eigenen Eltern geht es nicht mehr so gut und sie brauchen Pflege. Kommt dann noch das zweite Kind auf die Welt, ist das System schnell am Anschlag. Von der Liebe zueinander, die am Anfang der Beziehung so stark war, ist dann nicht mehr viel zu spüren.

Abgesehen von Kindern: Was sind häufige Gründe für eine Beratung?

Über die Jahre lebt man sich auseinander, hat neue Hobbys, neue Interessen – etwa dann, wenn die Kinder ausgezogen sind. Da muss man wieder neu zueinanderfinden. Oder man verliebt sich in jemand anders. Das kann schmerzhaft sein.

Von wem kommt der Impuls zur Paarberatung häufiger, von Männern oder Frauen?

Frauen äussern tendenziell früher den Wunsch nach einer Paarberatung. Wenn Männer sich melden, pressiert es meist. 

Das klingt nach Klischee: Frauen holen Hilfe. Männer versuchen, sich durchzubeissen.

Bei der älteren Generation mag das in der Tendenz stimmen. Bei den Jüngeren hat sich das bereits stark geändert. Es gibt viele jüngere Männer zwischen 20 und 30 Jahren, die sich melden, auch für Einzelberatungen. Für sie ist es normal, sich Hilfe zu holen.

Welchen Ratschlag wĂĽrden Sie einem frisch verliebten Paar mit auf den Weg geben?

Geniesst die wunderbaren Gefühle, auf Wolke sieben zu schweben. Die rosa Brille lässt einen das Kostbare am Partner sehen.

Und wenn die rosa Brille weg ist, was dann?

Es ist wichtig, die Erinnerung an die Anfangszeit zu pflegen. Für viele Paare ist das ein grosser Schatz. Ich arbeite bei ökumenischen Impulstagen für Paare mit, die kurz vor der kirchlichen Trauung stehen. Dort lassen wir sie eine «Lovemap» gestalten: Was hat sie am Anfang verbunden? Welche Songs, welche Orte, welche Ferien, welche Erlebnisse im Ausgang? Anfangsgeschichten haben eine grosse Kraft. Es ist wichtig, dass man sie sich immer wieder erzählt. Auch den Kindern.

Beziehungsberatung Ostschweiz

Die Paar- und Familienberatung Rheintal wird von der reformierten und der katholischen Kirche und politischen Gemeinden getragen. Sie gehört zum Netzwerk Beziehungsberatung Ostschweiz und engagiert sich auch in der Prävention und Ehevorbereitung.

 beziehungsberatung-ostschweiz.ch

Unsere Empfehlungen

Ein Velo für ein Stück Freiheit

Ein Velo für ein Stück Freiheit

Bis zu 200 Velos werden in Cham jedes Jahr für Geflüchtete repariert und weitergegeben. Hinter jeder Übergabe steht eine Geschichte von Ankommen, Unsicherheit und einem neuen Stück Freiheit. Ein Einblick zum Flüchtlingstag am 20. Juni.