Spürbare Sehnsucht – Jugendliche entdecken Glaube und Kirche neu
Er sitzt betont lässig in seinem Stuhl, die Beine aufs Pult gelegt, die Finken zerschlissen oder draussen in der Garderobe geblieben. Der 12-jährige Manuel (Name geändert) zeigt mir als Lehrer klar an, dass er mit Skepsis und ZurĂĽckhaltung in den Religionsunterricht kommt. Und genau prĂĽft, was geboten wird.Â
Konf-Ausstieg und Camp-Einstieg
Dies ist nachvollziehbar, schliesslich kommt er aus einer Familie, in der die Kinder zur Kirche gehören, die Eltern nicht. Ein Sinn für Spiritualität ist auf jeden Fall vorhanden in der Familie, aber es wird viel Wert auf die freie und eigenständige Entscheidung des Kindes gelegt. Als es dann darum geht, dass neben dem Religionsunterricht auch in der Freizeit Programme anstehen, entscheidet er sich, aus dem ganzen Konf-Weg auszusteigen.
Diese Woche … wie soll ich das sagen? – … ja, doch, ich bin näher zu Gott gekommen.
Eher erstaunt, aber erfreut bin ich, als er sich ein knappes Jahr danach fürs Refresh Camp anmeldet. Im Camp ist er Teil meiner Kleingruppe, in der wir die Inhalte der Plenumszeiten weiterbesprechen. Er erzählt offen, und man merkt ihm an, dass er auch inhaltlich interessiert ist. Einer seiner besten Kollegen entwickelt einen guten, persönlichen Draht zu mir als Bezugsperson. Auch das fördert die Identifikation Manuels mit dem Camp und dem Glauben, vermute ich.
Neuentdeckung des Glaubens
Nach einer Woche Camp entsteht auf der Heimfahrt im Bus eine Diskussion darüber, wie wichtig den Jugendlichen der Glaube ist. Dabei unterstellt ein anderer Manuel, dass er nicht besonders gläubig sei. Trotz Müdigkeit widerspricht Manuel entschlossen und sagt: «Diese Woche hat mich …(sucht nach Worten) … wie soll ich das sagen? … ja, doch, ich bin näher zu Gott gekommen.» Später erfahre ich, dass er und sein guter Kollege öfters in Gottesdiensten einer trendigen Freikirche waren und er dort und im Refresh Camp fand: «Wenn Christentum auch so sein kann, dann passt das zu meinem Leben.»
Da, wo unter dem Label von Glaube und Kirche wertschätzende, anteilnehmende Gemeinschaft erfahren wird, alltagsrelevante Fragen über Gott und die Welt offen diskutiert werden, da zieht es Jugendliche hin.
Manuel ist nicht der Einzige, der den christlichen Glauben neu fĂĽr sich entdeckt. Da viele Jugendliche zu Hause ausser positiven Statements zu christlichen Werten kaum mehretwas von Glaube und Kirche vermittelt bekommen, nähern sie sich der Sache total unbelastet. Mit Neugierde. Zum Beispiel. in Settings wie einem Refresh Camp, einem Konf-Lager oder auch in Freizeitprogrammen wie Jugendtreffs mit christlichen Inhalten, im Religionsunterricht oder in persönlichen Begegnungen. Gespräche in Kleingruppen während eines Programms oder auch im Anschluss an Events oder Sitzungen der Jugendarbeit sind auch wertvolle Gefässe dafĂĽr.Â
Interesse und Talente einbringen
Unterschiedliche Settings, die aus meiner Sicht aber einiges gemeinsam haben: Da, wo unter dem Label von Glaube und Kirche wertschätzende, anteilnehmende und fröhlich, bis jugendlich-ausgelassene Gemeinschaft erfahren wird, wo alltagsrelevante Fragen über Gott und die Welt offen diskutiert werden, wo man sich selbst stark mit seiner Meinung, seinen Interessen und Talenten einbringen kann und wo Leitungspersonen mit Tiefgang, Anteilnahme, Verlässlichkeit und Lebensfreude präsent sind, da zieht es Jugendliche hin.
«Das war schon immer so», könnte man sagen. Denke ich auch. Aber in Zeiten, wo die Botschaften, Antworten und Perspektiven der Gesellschaft fĂĽr Jugendliche verwirrender und weniger sinnstiftend und ĂĽberzeugend sind als auch schon, wo die Medienflut ĂĽberfordert, wo Gewalt und Krieg fast täglich Thema sind und wo etliche Erwachsene Zukunftspessimismus ausstrahlen, bleibt vielen Jugendlichen vor allem noch der emotionale RĂĽckzug in Familie und Freundeskreis. Und auch dieser Hafen ist fĂĽr viele nicht so sicher, wie sie es wĂĽnschten. Da erstaunt es nicht, dass die Stabilität, die positive Botschaft, Orientierung und Gemeinschaft anziehend sind, die bewusst gelebter Glaube und eine selbstbewusste Kirche ausstrahlen.Â
Klar, der Zugang ist fĂĽr Jugendliche grundsätzlich unkomplizierter und naheliegender, wenn die Familie demgegenĂĽber wohlwollend eingestellt ist, wenn Religionsunterricht und Konfirmation fast selbstverständlich sind und ein christlicher Jugendtreff Vertrauen geniesst. Aber ĂĽber Kollegen, Kontakte zu Leitenden oder auch persönliche Sehnsucht finden etliche Jugendliche auch sonst zu Glaube und Kirche.Â
Bewusste Entscheidung
Den persönlichen Bezug zu Spiritualität, Glaube und Kirche gewichten wir in unseren Angeboten stark. Im Oberstufenunterricht zählt die Alltagsrelevanz von Glaube gleich viel wie Wissensvermittlung. In einer Kultur von Pluralismus und Offenheit sagen wir mit Selbstverständlichkeit, dass Glaube eine bewusste persönliche Entscheidung ist, und fördern es, dass sich die Jugendlichen bewusst machen, wie sie zu Gott stehen. Wir diskutieren offen, ehrlich, selbstkritisch, humorvoll und wertschätzend und stellen herausfordernde Fragen. Glaubenszweifel und Kritik an Christen und Kirche sehen wir als Sprungbrett fĂĽr spannende und konstruktive Gespräche und erleben, wie diese stattfinden.Â
FĂĽhlen sich alle Jugendlichen in einer Kirche wohl, die sie zu einer bewussten, persönlichen Auseinandersetzung mit dem Glauben herausfordert? Nein, so ist es dann doch nicht. Nicht jede(r) Jugendliche liebt es – oder nicht in jeder Phase –, sich zu hinterfragen, zu diskutieren, eine persönliche Meinung zu formulieren und Glaube und Kirche so nahe an sich herankommen zu lassen. Es gibt auch bei uns Jugendliche, die einen distanzierteren Glaubensweg wählen. So leben wir miteinander in einer vielfältigen Kirche und legen Wert auf gegenseitige Wertschätzung.Â
Eine Herzenssache
Alles in allem aber werden Glaube und Kirche bei uns – und ich vermute in ganz Europa – mehr und mehr Herzenssache. Weniger Tradition und weniger Pflichtprogramm. Ich empfinde dies als Gewinn, gerade auch für die Jugendlichen, und denke, dass es auch mehr dem Stil unseres «Gründers» von vor über 2000 Jahren entspricht.
Spürbare Sehnsucht – Jugendliche entdecken Glaube und Kirche neu