Wo die Kirche bei den Jungen boomt
An der Erstausgabe des Refresh Camps im Jahr 2018 nahmen noch 280 Jugendliche teil. 2025 zogen dann schon fast 500 junge Menschen an die Adria. Die Teilnehmerzahlen zeigen nur in eine Richtung: nach oben. Weshalb ist diese neue Form von Kirche so attraktiv? «Das hat mehrere Gründe», sagt André Eberle. Der Degersheimer Jugendarbeiter ist von Anfang an beim Refresh Camp dabei, seit 2021 als Gesamtleiter. «Die Jugendlichen sind im Camp in die Gruppe ihrer Kirchgemeinde eingebunden, haben aber auch die Möglichkeit, neue Bekanntschaften zu machen.» Wichtig sei auch, dass die Jugendlichen ihr Programm selbst zusammenstellen könnten, so Eberle. «Es gibt Workshops, Veranstaltungen im Plenum, Gruppenzeiten und Ausflüge – die Jugendlichen können aber auch die meiste Zeit am Strand liegen, wenn sie möchten.» Diese grosse Bandbreite sei attraktiv.
Es gibt so viel, was uns verbindet. Wir sind eine Gemeinschaft und schauen füreinander.
Also ein Programm für Individualisten, bei der alle sich das rauspicken, was ihnen gerade passt? «Nein», widerspricht Flavia Müglich aus Oberuzwil. Die 19-jährige Mediamatikerin war bereits dreimal im Refresh Camp dabei – das erste Mal als Teilnehmerin, danach als Leiterin. «Ich habe noch nie in einem Lager ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl gespürt», stellt sie fest. «Man lernt Leute aus dem ganzen Kanton kennen und merkt: Es gibt so viel, was uns verbindet. Wir sind eine Gemeinschaft und schauen füreinander.»
Jugendliche sind mobil
Diese Verbindung hält auch nach dem Camp. Die Jugendlichen knüpfen Kontakte über Gemeindegrenzen hinweg und vernetzen sich. So auch Flavia Müglich, die gelegentlich ihre Refresh-Freunde im kirchlichen Jugendtreff in Degersheim besucht. Degersheimer Jugendliche wiederum pilgerten schon zum Gottesdienst nach Altstätten, um dort Freunde zu treffen. Eine Entwicklung, die Refresh-Leiter Eberle begrüsst: «Die Jugendlichen sind mobil», betont er, «sie sind bereit, einen Weg auf sich zu nehmen, wenn das Angebot überzeugt.» Neuerdings finden auch zwischen den Camps regelmässig Treffen statt, um es den Jugendlichen zu erleichtern, in Kontakt zu bleiben.
Ein Superevent alle zwei Jahre reicht nicht aus, um eine Gemeinschaft zu festigen, Netzwerke zu bilden und eine überregionale Jugendarbeit aufzubauen.
Schub für Jugendarbeit vor Ort
Immer mehr Zulauf, Jugendliche, die sich vernetzen und gegenseitig Gottesdienste besuchen – entsteht hier gerade eine neue kirchliche Jugendbewegung? Die Frage geht an Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich. Er freue sich über den Erfolg des Refresh Camps, sagt Kunz. Es erinnere ihn an die «Junge Kirche», die in der Mitte des 20. Jahrhunderts grossen Zulauf gehabt habe. Allerdings: «Ein Superevent alle zwei Jahre reicht nicht aus, um eine Gemeinschaft zu festigen, Netzwerke zu bilden und eine überregionale Jugendarbeit aufzubauen.» Er sehe es daher eher als Ergänzung denn als Ersatz der lokalen Jugendarbeit. Dem pflichtet Eberle bei: «Das Refresh Camp ersetzt die Jugendarbeit in den Kirchgemeinden nicht, es unterstützt sie. Wenn Jugendliche begeistert aus dem Camp zurück in die Kirchgemeinde kommen, gibt das der Jugendarbeit vor Ort einen Schub.»
Wo die Kirche bei den Jungen boomt